Conny Plank – The Potential of Noise

Wolperath.

Wer kennt schon Wolperath, diese kleine Gemeinde irgendwo in der Nähe von Köln?

Ok, bis 1987 jedenfalls war die Ortschaft ein Begriff in der internationalen Rock- und Musikwelt. Kraftwerk, die Scorpions, Brain, D.A.F. , Neu, Killing Joke, Cluster, Freur, Underworld, Gianna Nannini, Ultravox, Can, Les Rita Mitsouko, Hupe & Humpe, Whodini und und und, sie alle gingen in Wolperath im Studio von Conny Plank ein und aus und schwärmen heute noch davon, so dass indirekt, der 1987 gestorbene Plank den Film beseelt, dieser Dokumentation seines Sohnes Stephan Plank, unterstützt von Reto Caduff und Ziska Riemann, ein für eine Dokumentation rares Leben einhaucht.

Stephan ist auf diesem zum Tonstudio umgebauten Hof aufgewachsen, auf dem eine familiäre Atmosphäre herrschte, war 13, wie sein Vater starb, war als Bub um all diese Musikgrößen herum mitten im Chaos am Hof, das seine Mutter Christa haushaltstechnisch zusammengehalten hat.

Aber der Vater hat für die Musik gelebt. Es wird in diesem begeisternden Film für einen Moment ganz ruhig, wenn ein Freund der Familie Stephan erzählt, dass dieser Vater zwar immer da war, aber eben auch nicht. Und Stephan kann sich gerade an eine gemeinsame Freizeit mit Zelten und Paddeln mit dem Vater erinnern.

Die Künstler, die Stephan heute aufsucht, beschreiben Conny Plank als einen außerordentlich inspirierenden Menschen. Ein Mensch, der sich als Mittler zwischen Musikern und Technik gesehen hat. Der versucht hat, das Beste aus den Instrumenten und Stimmen auf die Bänder zu bannen. Der die Künstler zum Experimentieren anhielt. Der genau spürte, wann der gewisse Moment da ist. Einer, der keine Regeln vorschrieb, der die Musiker nie unter Druck gesetzt hat, der dem kreativen Prozess den absoluten Vorrang eingeräumt hat.

Der gerade im deutschen Rock-, Punkrock inklusive der Nähe zu den Hippies oder Technoszene massgeblich und inspirativ beteiligt war, dass die Szene nach dem Krieg und aus dem Deutschland in Ruinen zu einem eigenen Stil fand. Wobei er sich nicht scheute, auch Sound vom Reichsparteitag beizumischen, ganz verrückte Dinge trieb. In Wolperath wurde Musikgeschichte geschrieben.

Er habe einen massgeblichen Beitrag dazu geleistet mit seiner Neugier – aber auch mit seinem bestens eingerichteten Studio, mit der Ruhe, die er den Musikern verordnete, mit der Möglichkeit der Konzentration. Der Ort war von ihm gewählt worden, dass einer einen Grund haben musste, die Reise dorthin zu unternehmen. Und sie kamen aus aller Welt.

Eine Rarität von Musikfilm (für manche vielleicht sogar eine Offenbarung) als wichtiges Ergänzungs-, ja sogar Entschlüsselungsmovie und ein Muss in die Sammlung von Filmen wie Kraftwerk, Forever and a Day, Denk ich an Deutschland in der Nacht.

Wobei die Suche nach dem Vater im Sinne eines persönlichen Verhältnisses zu ihm nicht so ergiebig ist. Es gibt Super-8-Acht-Aufnahmen, Fotos, Erinnerungen der Künstler.

Nebst den angregenden heutigen Begegnungen mit den Künstlern, Produzenten, Journalisten, Familienfreunden gibt es genügend Footage von Aufnahmen und auch Konzertmitschnitten und Sound. Und da das Auge mitisst: die Bilder der Kamera von Frank Griebe sind eine Show, gut zum Sehen und von klarem Narrativ.

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