Radiance – Hikari

Dieser Film von Naomi Kawase (Kirschblüten und rote Bohnen, Still the Water) ist keine tiefgründig, eloquent philosophische Abhandlung über das Kino, das Sehen und die Fantasie, über Perzeption und Rezeption von Film, er ist vielmehr eine emotionale Annäherung an den schwierigen Themenkomplex und bietet gleichzeitig einen anrührenden Nähkästchenblick in die Herstellung von Audiodeskriptionen für Blinde – wodurch allerdings auch der Reviewer an einem Schmerzpunkt getroffen wird, nämlich: die richtigen, die treffenden Worte und Wörter zu einem Bildwerk namens Film zu finden.

Der Schmerz wird allerdings von Naomi Kawase maximal gelindert durch eine homöopathischdosiert-zarte Liebesgeschichte, die die Hauptfigur, Misako (Ayame Misaki), die Audiodeskriptionen verfasst und auf die Tonspur einspricht, eingeht.

Der Film im Film, dem dieser Text für Blinde verpasst wird, handelt selbst von der Liebe, von einem älteren Paar, Juzo (Tatsuya fuji) und Sano (Mantaro Koichi). Eine nicht ganz unproblematische Liebe in einem Haus am Meer und vor Dünen.

Das Einsprechen passiert in einem Studioraum. Auf der Leinwand läuft die Szene. Eine kleine Gruppe von Menschen um eine Supervisorin hört sich die Texte an, gibt anschließend Feedback. Die meisten sind blind. Der ehemalige, erblindende Starfotograf Nakamori (Masatoshi Nagase) ist dabei.

Verständlich, dass er oft anderer Meinung ist als die anderen in dem Gremium. In den Diskussionen wird ventiliert, wie weit einerseits das Kino, andererseits die Beschreibung der Bilder, die Fantasie anregt, inwieweit es sie einengt, ein Thema das unendlich vertieft werden könnte und das sich auf einem Weg befindet, möglicherweise, das Geheimnis des bewegten Bildes zu entdecken.

Der Film nimmt anfänglich eine Szene aus der Schlussequenz vorweg, wie der fertige Film in einem vollbesetzten Kino gezeigt werden soll und wie ein Blinder seine Kopfhörer für die Audiodeskription aufsetzt und dabei den Test macht, ob das Gerät richtig eingestellt und auf Empfang ist.

Die Liebesgeschichte zu Nakamori entwickelt sich über das Thema der Bilder. Er läuft immer noch mit seiner Rolleiflex-Spiegelkamera herum. Er trifft an einem Stammtisch andere Kameramänner. Einer nimmt ein Magazin hervor. Hier hatte er es endlich auf die Titelseite geschafft mit einem Bild, das Radiance heißt, Strahlung, Helligkeit, Glanz. Nakamori wird auf sein Startum als Fotograf angesprochen, einer ist happy, dass er Bikini- und Sexfotos schießen kann. Einer will ihm auf dem Nachhauseweg seine Kamera klauen, unschön.

Kawase inszeniert in Real-Time-Langsamkeit, wodurch eine Vertraulichkeit und Intimität zum Zuschauer entsteht und er wie zu diesem Prozess dazugehörig gemacht wird.

Die persönliche Beziehung zum Zuschauer wird verstärkt dadurch, dass Misakos Verhältnis zu ihrer Mutter, die ein Fall fürs Pfelgeheim wäre, und deren Haushaltshilfe geschildert wird. Die Mutter ist am Rande zur Demenz. Kleiner Nebenstrang: sie büchst von zuhause aus und Misako sucht sie in dschungelhaftem Wald, findet sie an absturzgefährlicher Stelle wieder.

Und klar: Kino schafft Kontakt zu Menschen, sagt der Film, und wie Kino das überzeugend machen kann, das zeigt er. Vielleicht ein Geheimnis der Regie von Naomi Kawase: sie zieht den Zuschauer mitten hinein ins Geschehen, in die menschlichen Verhältnisse, die sich hier von Berufes wegen mit dem Sehen und den Kinobilder beschäftigen; so entsteht auch keine Sekunde der Eindruck, irgendwer spiele hier irgendwem etwas vor oder wolle uns etwas demonstrieren oder uns gar belehren. Sie bindet den Zuschauer ein in ihre Recherche an dem von ihr erfundenen Modell.

Zum Nachdenken und mit auf den Nachhauseweg: „Nichts ist so schön wie das, was vor unseren Augen verschwindet“ – so wie Kinobilder es tun – oder die Sandskulptur eines weiblichen Aktes von der Brandung des Meeres.

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