On the milky Road

Emir Kusturica, der Serbe, ist ein ganz Wuider.
Er unterfüttert eine Stunde oder gar länger unser Vorurteil vom balkanesisch kriegstraumalegitimierten Jugo-Chaosfilm mit seinen Trommelfeuern von Gewalt und nochmal Gewalt und nichts ist normal und alles ganz hektisch und kaputt und nervös.

Doch dann schält er daraus plötzlich eine Liebesgeschichte, als fügte er mindestens noch zwei, drei weitere Filme dem Protoypen hinterher, die ganz andere Töne anschlagen, ganz andere Bilder wagen, wobei das Kriegstrauma noch lange nicht mundtot gemacht ist, aber es hat sich eine Veränderung ergeben.

Und 15 Jahre später dann noch eine verblüffendere.

Die Liebesgeschichte, die dieser Film im Schlepp hat, bahnt sich schon im ersten Teil an: Kosta (gespielt von Emir Kusturica selbst, der auch für Buch und Regie steht), der Milchmann, der auf dem Esel mit einem schwarzen Schirm als Schutz unter den Gewehrsalven der Kriegsgegner im Karstgebirge kreuzt, soll Milena (Sloboda Micalovic) heiraten.

Doch dann begegnet er Bride (Monica Bellucci), die dem General Zaga, der gerade im Afghanistankrieg steckt, versprochen ist. Die Liebe zwischen Kosta und Bride ist stärker.

Diese Geschichte wird erzählt in einem ununterbrochenen Bildbeschuss, teils Tierfilm, von Gänsen, die aufgeregt in Massen in eine Badewanne mit blutrot gefärbtem Wasser fliegen, von Raubvögeln, die gefährlich kreisen und sich auch mal auf eine Schlange stürzen, von Würgeschlangen, die sich um Menschen winden und mit diesen kämpfen, von einer kaputten Kuckucksuhr in deren Pendel eine Oma und eine Braut sich verfangen und hochgezogen werden, und auch das komplizierte Räderwerk ist gut für Aufnahmen, die von Chaos erzählen, von der nicht zu bändigenden Zeit.

Dann ist Friede, aber der Krieg geht weiter mit anderen Mitteln. Der enttäuschte General Zaga, der mit einem topmodernen, kraftstrotzenden Motorrad seinen Auftritt hat, sinnt auf Rache für die entgangene Braut.

So geht das Brandschatzen weiter, die Helis und Kugeln fliegen weiter, es gibt Minenfelder. Und das Liebespaar ist auf der Flucht.

Dabei gibt es eine lange Wasser-Schilf-Unterwassersequenz, die den Eindruck erweckt, Kusturica hätte nicht genug bekommen können von diesen Aufnahmen, die alle bestechend sind, wie das Liebespaar schnorchelnd die es verfolgenden Soldaten hinhält.

Der Wind macht den Figuren zu schaffen. Auf einer mit waghalsigen Drohnenaufnahmen gefilmten Bergspitze stehen zwei Soldaten und werfen die Sonne gespiegelt auf das Paar auf der Alp unten, das sie verfolgen.

Es folgt eine ausführliche Phase der Flucht in einer Schafherde, auch hier konnte sich Kusturica nicht genug unter den Schafen verstecken, bis die aufgeschreckt plötzlich ins Minenfeld fliehen, was gleich wieder Kriegsbilder entstehen lässt, Explosionen, durch die Luft fliegende Schafe und dann sind da noch Drähte gespannt, während ganz in der Nähe die Freundin auf dem Boden mit einer Würgeschlange kämpft; es folgt das traurige Ende dieser Liebegeschichte.

15 Jahre später ist aus Kosta Väterchen Kosta geworden, das Steine über den Grat auf die Alp schleppt und was er dort veranstaltet, könnte vielleicht sein eigenes Antiminenprogramm genannt werden, jedenfalls baut er keine Kappelle dort, die kleine Grünfläche, die er noch nicht mit Steinen zugedeckt hat, die könnte dafür dienen oder irgendwann die Umrisse einer liegenden Frau annehmen.

So ein bisschen haben die Erlebnisse, die furchtbaren, die Kosta mit irrsinns viel Dussel überlebt, ihn doch in Richtung Religion geführt, diese serbisch-orthoxe Kirche, aber irgendwie dann doch nicht ganz. Jedenfalls schraubt sich die Drohne, die dieses Schlussbild filmt, halsbrecherisch in die Höhe und damit ebenso die Fantasie des Zuschauers, nicht zu vergessen den Falken.

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