Marco Bellocchios altmeisterlicher Blick auf das nie zu lösende Dilemma Mutter als Verfilmung des Romans von Massimo Gramellini nach dem Drehbuch von Valla Antella. Hier zugespitzt auf die Position des Mannes Simone.
Simone schreibt einen Leserbrief an die Zeitung, bei der unser Protagonist Massimo (als Erwachsener dargestellt vom beindruckenden Valerio Mastandrea) als Redakteur arbeitet. Der Tenor des Briefes ist der eines Mannes, der total unter seiner noch lebenden Mutter leidet.
Massimo soll den Brief beantworten. Denn sein Leben ist bestimmt vom frühen Tod seiner Mutter, er war gerade 9 Jahre alt, ein Alter in welchem der Tod eines Elternteils oder Scheidung, wie immer wieder zu sehen und zu hören ist, auf zarte Kinderseelen besonders gravierende Folgen haben kann.
Das ist die Hauptschilderung in diesem Film, in geschickt ineinandergewirkten Rückblenden ein Porträt dieses Mannes zu zeichnen, dem durch das Verlusterlebnis die Liebe wie verwehrt scheint.
Er kompensiert den Verlust durch seinen fordernden Beruf als Sportreporter, als Politreporter an brisanter Korruptionsstelle und dann auch als Kriegsreporter in Sarajewo. Die Familie ist gut situiert, die Wohnung fein eingerichtet.
Die anfänglichen Szenen erzählen vom Glück des träumenden Knaben, vom gemeinsamen Fernsehschauen mit der Mutter. Es sind die späten 60er Jahre in Turin. Am Fernsehen gibt es Show und Schlager, aber auch Politik und Horrorfilme.
Massimo hat es besonders eine Horrorfigur angetan, Belphegor, aber auch die Fratze aus Nosferatu. Gerade diese Figuren werden in seiner Weiterentwicklung ohne Mutter eine wichtige Rolle spielen.
Bellocchio fügt in seinen Film signalhafte Bilder ein. Eine Fahrt des Jungen durch die Stadt; hier sieht die Kamera nur übergroße Männerskulpturen von tief unten auf Denkmalsockeln. Ein Szene im Schwimmbad: die Jungs ziehen ihre Bahnen. Auf der Empore sind die Mütter (mehr könnte auch ein bombastischer amerikanischer Film nicht auffahren); alle von unten gesehen, eine lange Reihe, alle angetan von ihren Sprößlingen. Oder die Streicheleinheiten; schmerzhaft wie nach der Beerdigung alle Beteiligten dem armen Waisen über den Kopf fahren. Solche Dinge zu sehen und erzählerisch um- und einzusetzen, das ist Regiekunst vom Feinsten und Bellocchio geht nicht sparsam um damit.