Defloration
ist das Sommerferienziel der beiden dicksten Freundinnen Nini (Flora Thiemann) und Jameelah (Emily Kusche), die sich im unsinnigsten Alter befinden. Da sie es ohne Liebe und rein technisch ausprobieren wollen, es geht lediglich um den Vorgang der Defloration, ist das als dramaturgisches Ziel für einen Spielfilm etwas dünn, was solls, fabelhaft an der Inszenierung von Ute Wieland (Besser als nix, Freche Mädchen-2, FC Venus) nach dem Roman von Stefanie de Velasco ist ihre Nähe zu den Menschen, ist dieses Inszenieren und dieses ‚Bilder so locker mit der Kamera schießen wie aus dem Handgelenk‘ und so eine markante Authentizität erzeugend, wie nach dem wahren Leben.
Nini ist die Icherzählerin, die ab und an auch einen Voiceover-Kommentar loslässt. Sie stammt, das geht allerdings mit ihrem Schauspieler-Typ nicht ganz zusammen, aus fetten Proloverhältnissen mit einem Stiefvater, während Jameelah ein Irakflüchtling ist und mit ihrer Mutter akut von der Abschiebung bedroht.
Sie wohnen beide in Wohnblocks mit viel Radau und Remmidemmi und vor dem Haus von Jameelah passiert sogar ein Ehrenmord und Nini und sie werden Augenzeuge davon. Sie halten erst mal still. Wie es sich gehört, es sind Serben, gesteht der kleine, noch nicht strafmündige Bruder des Mörders die Tat.
Die Themen mischen sich wie in einer Wäschetrommel, es kommt noch Schule hinzu, Männeranmache auf dem Strich und auch deren Abzocke und ein Gefängnisbesuch beim kleinen Nicht-Mörder.
Das mag in einem Buch als Literatur wunderbar funktionieren, ergibt aber Probleme im Kino, wenn das Buch vermutlich einfach so Kapitel für Kapitel oder Abschnitt für Abschnitt in Spielszenen übertragen wird.
Hier ist besonders problematisch, dass es die Geschichte der beiden dicksten Freundinnen ist, sie aber aus der Sicht der einen erzählt wird, formal, dass aber das Drehbuch darauf verzichtet hat, dem Film die Sicht radikal auf diese Darstellerin, auf Nini, zu lenken.
Wobei das Abschiebeproblem just nicht ihres, sondern das ihrer Freundin ist. Hinkommt ein meiner Ansicht nach gravierender Casting-Fehler, dass nämlich Emily Kusche, die gar nicht die Progatonistin ist, die deutlich stärkere Leinwandpräsenz hat als Flora Thiemann.
Durch den Verzicht auf den Nachvollzug der subjektiven Entwicklung der Hauptfigur, die noch dazu merkwürdig wenig zu den Verhältnissen, die ihr zugeschrieben werden, hineinpasst, außer dass sie darunter leidet, dass der Vater weg ist, auch ein weggeschummeltes Problem, wird auf ein elementares Spannungsmoment des Kinos verzichtet und die Arbeit ins TV verwiesen.
Die Behauptung kann noch unterstützt werden, dass der Hinweis auf die Benutzung von Kondomen beim Geschlechtsverkehr dermaßen dick und pädagogisch aufgesetzt wirkt, dass ihn offenbar der dümmste Fernsehrredakteur oder Filmförderer kapiert.
Die Geschichte mit der Abschiebung verlässt die Subjektive von Nini, auch sie wird mit dem kirchlichen Helferkreis aufgebauscht und so deutlich wie der Helfer die Unterlassung des Klagens durch die Flüchtlinge erklärt, das hat mit Kino kaum mehr zu tun, das tendiert in Richtung Volkshochschulkurs oder Helferlehrfilm, vermutlich auch im Hinblick auf besagte Fernsehredakteure und Filmförderer – wenn es ums Geld geht, sind diese die einzigen, die den Film verstehen können müssen.
Den Fernseheindruck verstärken ein paar blasse, deutsche Jüngelchen, die wohl auch dem Fernsehen entlaufen sind. Maalala-Plakat als Referenz. Schöner Satz, dass Erwachsene nicht richtig lebendig wirken – das fängt schon bei der Jugend an, siehe die TV-Jüngelchen. Trotzdem schön lebendig: das Reenactment Berliner Lebens.