Ein Sack voll Murmeln

Flucht – eine hochaktuelle Angelegenheit.

Vielleicht ist es die Sicht aus Canada des Regisseurs Christian Duguay (Sebastian und die Feuerretter, Jappeloup – eine Legende), die seine Verfilmung der Fluchtgeschichte vor den Nazis nach dem Drehbuch von Jonathan Alllouche + 7 in den Jahren 42 – 45 aus Paris so lebendig und vor allem so aktuell erscheinen lässt.

Sicher trägt dazu bei, dass Duguay die Klippen von Schuldbewusstsein und schlechtem Gewissen und Nie-wieder-Panik, über die so viele deutsche Nazizeitverfilmungen stolpern, wie in kinematographischer Kurzschrift vorträgt. Er hält sich nirgend lange auf, ohne den Eindruck von Gehetztheit oder der Konzession ans Fernsehen zu erwecken.

Sein Trick funktioniert, dass er gerne über szeneentscheidende Details oder ganz klare Blicke erzählt, dass er sich sehr genau überlegt, was das Erzählwesentliche einer Szene ist. Das fängt schon im elterlichen Frisiersalon der Familie Allouce in Paris an. Es ist eine jüdische Familie, die in der Elterngeneration bereits eine Fluchtgeschichte aus Russland hinter sich hat.

Zwei der Söhne sind schon groß gewachsen, wollen auch Frisöre werden, die jüngeren zwei Brüder sind noch halbwüchsig. Der kleinste Joseph (Dorian le Ciech) ist noch ein richtiger Bub. Er hat die Geschichte später aufgeschrieben. Sie ist die Grundlage für das Drehbuch.

Dass die Geschichte glücklich ausgeht, wird von Anfang an klar. Jo kehrt 1944 nach Paris zurück, nach Clignancourt und überlegt sich, ob alles noch so sei wie vorher, es kommt ihm kleiner vor, er fragt sich, ob er vielleicht größer geworden sei.

Dann springt die Erzählung zurück ins Jahr 1942. Für die Juden wird es bald schon gefährlich in Paris. Noch frequentieren deutsche Offiziere den Salon von Vater Roman (Patrick Bruel), lassen sich rasieren.

Die Mutter, eine begeisterte Geigerin, wird gespielt von Elsa Zylberstein. Der alte Kinematographenkniff, die Rasur spannend zu machen mit Nahaufnahme auf die Kehle des Kunden und anschließender Nahaufnahme auf das scharfe Rasiermesser, oder umgekehrt, funktioniert hier als Szeneessenz erzählendes Detail: noch könnte der Friseur seinen Feind…

Schmerzhaft ist die Szene, wie der Vater seine beiden jüngeren Buben coacht, wie sich bei Befragungen durch die Nazis zu verhalten, wie keine Ohrfeige sie vom Lügen abhalten darf. Das wird sich später im Film in Südfrankreich als überlebenswichtige Hilfe erweisen.

Die Familie muss sich trennen, um auf verschiedenen Fluchtwegen in den Süden zu gelangen, wo die Nazis noch nicht sind. Der Film bleibt bei den beiden Buben, Jo und Maurice (Batyste Fleurial), die nur mit Umhängetasche ausgerüstet, genügend Bargeld und einem Routenplan, den auf keinen Fall jemand zu Gesicht bekommen darf, losgeschickt werden.

Erst müssen sie den Zug nehmen. Sie sind zu spät dran. Am Zielort filzen schon die Nazis die Passagiere. Flucht, das bedeutet, ständig wachsam sein, sich wieder verstecken, sich mit Menschen einlassen, von denen man nicht weiß, ob man ihnen trauen kann, wie dem Schleuser am Ende der Bahnfahrt, der sie in eine befreite Zone lotsen soll.

Ständig denke ich bei diesem Film daran, dass auch heute noch weltweit zwischen 50 und 60 Millionen Menschen auf der Flucht sind mit der Hoffnung auf einen sicheren Hafen. Und dass dabei die Überlebenslüge das A und das O sein kann. Das gilt nicht nur im Hinblick auf das Judentum, das kann eine ethnische Minderheit sein, eine religiöse Minderheit.

Dabei kann so eine Flucht voller Fallen sein, die einem andere Menschen stellen. Vielleicht ist nach diesem Film besser zu verstehen, warum Flüchtlinge ihre Papiere vernichten oder verstecken oder sich falsche besorgen.

Die Lüge kann zwar auch neue Klippen schaffen. Wie bei der raffinierten Befragung durch einen Nazioffizier die beiden Buden standhaft ihre Geschichte von katholisch-algerischer Herkunft verteidigen, bis Maurice dummerweise behauptet, er sei in Nizza getauft worden, worauf ihm der Offizier einen Passagierschein und zwei Tage Zeit gibt, den Beweis dieser Taufe aufzutreiben und vorzulegen.

Lügen will gelernt sein. Der Mensch auf der Flucht eignet sich ganz andere Fähigkeiten an als der Mensch in einer ordentlich-bürgerlichen Laufbahn – das können wir uns nicht deutlich genug bewusst machen.

Doch die Fluchterfahrung lehrt auch, dass es immer wieder Menschen gibt, die anderen Menschen in so einer bedrängten Situation helfen. Die Bewandtnis mit dem Titel ist die, dass Jo seinen Judenstern gegen einen Sack voll Murmeln von einem Mitschüler eintauscht. Die, resp. eine Murmel davon, wird im Laufe des Filmes immer wieder eine Rolle spielen, wie es sich für eine schöne und schön erzählte Geschichte gehört.

Die leicht Musik wirkt belebend wie die Kohlesäure im Sprudelwasser, gibt dem Erzählfluss ein zusätzlich leichtes Cachet, dass hier nicht dröge Erinnerungskultur betrieben wird, sondern eine Geschichte erzählt aus einer grauenhaften Zeit, in der das Menschliche nicht ganz ausgestorben ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert