The Chinese Lives of Uli Sigg

Zur Musik von Händel lässt Michael Schindhelm, der Dokumentarist, die Kamera die Stufen zum Schloss Mauensee in der Schweiz emporschreiten.

In diesem auf einer Insel gelegenen Privatschloss findet sich eine sensationelle Sammlung zeitgenössischer chinesischer Kunst. Wie es dazu kam und wie es dazu kam, dass im Jahre 2019 in Hongkong 1500 Exponate dieser Sammlung in einem eigens von Herzog & DeMeuron entworfenen Museum ausgestellt werden, das erzählt Schindhelm in seinem Film im üblichen, modernen Dokumix aus Statements, Archivfootage, neuen Aufnahmen und hier mit dem Blick auf viele Kunstwerke gut verdaulich.

Sein Protagonist jedoch, Uli Sigg und seine Geschichte und Aktivitäten, die haben es in sich, ein ost-westlicher Diwan der Extraklasse, ein Kulturvermittler vermutlich von weltweiter Einzigartigkeit.

Die Geschichte fängt prosaisch an. Sigg war Wirtschaftsjournalist (über seinen familiären Background redet er nicht), hatte einen Job beim Schweizer Liftbauer Schindler. 1979 wollte die Firma das erste chinesisch-westliche Joint-Venture in China eingehen. Dafür schickten sie den Sigg nach China. Volltreffer.

Der kleine Mann erweist sich als Größe, als ein Mensch von Geduld und Weitsicht von Respekt und Menschlichkeit und wird später zum Entrepreneur und Art Collector.

Der Leitfaden für die Doku ist die Icherzählung von Sigg, manchmal sucht er mit dem Dokumentaristen frühere Wirkorte in China auf. Er gibt Anekdoten zum Besten. Er spricht von zehntägigen Auffsichtsratssitzungen, er meint, er habe die rückhaltlose Anerkennung der Chinesen dadurch erhalten, dass er sie immer habe ausreden lassen. Oder von einer 20stündigen Verwaltungsratssitzung berichtet er und nachher sei man zum Karaoke gegangen.

Er schildert die enormen Mühen und die Komplexität des Unternehmens, das schließlich zustande kam. Dass chinesische Mitarbieter in der Schweiz in Ebikon geschult wurden, dass sie mit den erlernten Fähigkeiten in China den Kollegen überlegen waren und sofort befördert wurden an Positionen, an welchen sie diese Fähigkeiten nicht mehr einsetzen konnten.

Er erzählt von den aufkommenden Studentenprotesten von 1989 und dem Tiananmen-Platz, dass die Revolte die Entwicklung um zehn Jahre zurückgeworfen habe, dass China im Westen plötzlich tabu war, dass Schindler nicht mal das zehnjährige Bestehen der Kooperation offiziell feiern durfte, dass er aber weiter an das Unternehmen glaubte und am Ausbau und der Zusammenarbeit festhielt.

Dann das urplötzliche Entstehen der chinesischen Konsumgesellschaft, die das Vakuum der verschwundenen Ideologie füllte.

1995 wird er als Quereinsteiger zum Botschafter der Schweiz in Peking. Als erstes habe er die westliche Kunst aus dem Botschaftsgebäude entfernt und angefangen chinesische Kunst zu suchen, wobei er Untergrundkunst dort offiziell nicht ausstellen konnte.

Nach seiner Botschafterzeit pflegte er weiter intensive Beziehungen zum Land, wurde immmer mehr zum Kunstsammler, war in verschiedenen Funktionen tätig.

Uli Sigg wird gezeigt als ein Mensch, der keine Show um sich macht, der sich für die Kunst und die Menschen interessiert, einer zu dem der Begriff Karrierist überhaupt nicht passt. So stellt es der Film plausibel dar, wie Sigg zwischen dem Riesenreich China und der hochindustrialisierten westlichen Welt einen wichtigen Kontaktkanal schuf, zum wichtigen Verständigungmedium wurde.

Von den Bildern, die er für das Museum in Hongkong teils geschenkt (1450) oder verkauft (150 für 22 Millionen) hat, verspricht er sich: Öffnung; dass Millionen Chinesen, die Hongkong besuchen wenigstens dort ihre eigene Gegenwartskunst, auch wenn sie nicht immer der Staatsräson entspricht, sehen können.

Ein Vermittler zwischen Kulturen, die sich sicher nicht auf Anhieb verstehen, und zwischen denen ständig weltpolitische Machtspiele knarzend zu vernehmen sind.

Was war das Dauerwellendekret? Das gab es in den 80er Jahren in China: es waren für die Frauen 5 Arten von Dauerwellen erlaubt. Und wie steht es mit der Gurkenverordnung der EU? Die gilt heute noch.

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