Die göttliche Ordnung

Kinoüberraschung aus der Schweiz.

1971. Schweiz. Auf dem Lande. In einem kleinen Haus. Es ist Abend. Die Mutter liegt im Bett. Ihre beiden aufgeweckten Buben liegen um sie herum arrangiert. Vor ihnen eine drehbare Weltkugel. Die Mutter schließt die Augen. Die Buben drehen die Kugel. Und wenn die Mutter sagt „jetzt“, dann halten sie die Kugel an. Die Mutter tippt blind mit dem Finger auf die Stelle vor ihr. Es ist der Pazifik, der Stille Ozean. Dort leben Fische in großer Tiefe. Die sehen nie das Licht, nie die Sonne.

Eine Szene, die gleich Mehrfaches erzählt, dass es hier um eine Grundsituation des Geschichtenerzählens geht und in der Geschichte selbst um ein Wesen im Dunkeln, das ans Licht möchte, zu verstehen als Symbol von Menschwerdung und Emanzipation, mithin von Freiheit.

Gleichzeitig präsentiert sich uns die wunderbare Protagonistin, Marie Leuenberger als Nora, um die sich die Geschichte dreht, die den Plot aus der Schweizer Geschichte holt.

Der äußere, politische Motor ist die eidgenössische Volksabstimmung über die Einführung des Frauenstimmrechtes. Der private Motor von Nora ist ihr Wunsch, wenigstens halbtags zu arbeiten nebst ihrer familiären Funktion als Hausfrau und Mutter. Sie hat eine Ausbildung als Reisekauffrau hinter sich und möchte nicht als Heimchen vorm Herd versauern.

Ihr Mann Hans, Max Simonischek, ist strikt dagegen. Er sieht das Gesetz auf seiner Seite. Ferner ist er eben in der Schreinerei, in der er arbeitet, von seiner Chefin, Frau Dr. Wipf (Therese Affolter), zum Abteilungsleiter befördert worden, das sind 150 Franken mehr im Monat.

Frau Dr. Wipf ist in diesem Themenzusammenhang eine interessant-groteske Figur: sie selber führt den Sägereibetrieb als Frau und wie ein General, aber genauso generalstabsmäßig ist sie strikt gegen die Einführung des Frauenstimmrechtes – wer weiß, was ihr fehlt im Leben. Aber der Film von Petra Blondina Volpe, die umsichtig das Drehbuch entwickelt und geschrieben hat, macht sich nicht lustig darüber, denunziert in keiner Sekunde, der Zuschauer kann sein Teil denken.

Zur Entwicklung tragen weitere, ausgezeichnet besetzte und geführte Figuren aus der Umgebung dieser Familie bei: die großartige Sibylle Brunner als Ex-Wirtin vom Bären, die immer schon für das Frauenstimmrecht war, die jetzige Bären-Wirtin Graziella (Marta Zoffoli), Theresa (Rachel Braunschweig) und ihre unangepasste, wilde Tochter Hanna (Ella Rumpf), die als „Dorfmatratze“ verspottet wird, der Ehemann von Theresa, Werner (Nicholas Ofczarek), und die mehrbessere Magda (Bettiny Stucky), die jedoch Einfluss hat, weil sie einen Herrn Doktor geheiratet hat.

In klaren Szenen mit storydienlichen Dialogen – nebst gut beobachteten alltäglichen Kleinigkeiten, wie zum Beispiel Vroni bei einer Versammlung einschläft und dann ganz erschrocken aufwacht, ob die Abstimmung schon gelaufen sei – führt Volpe die Entwicklungen vor, die dazu führen, dass die Frauen anfangen, sich auszutauschen über das Thema, dass sie nach Zürich fahren zu einer Demo für das Frauenstimmrecht und gleich noch zu einem Workshop für Frauen zur Entdeckung ihrer Lust, zum Finden der weiblichen Kraft, zum Kennenlernen der eigenen Vagina und deren Varianten vom Schmetterling über den Tiger bis zum Silberfüchslein.

Dem Fortgang der Geschichte kommt auch die Institution der Milizarmee zugute, in der die Männer jährlich einige Wochen zum Wiederholungskurs einrücken müssen. So ist Hans für einige Zeit abwesend von zuhause und die Gedanken der Frauen können ungehindert gedeihen. Gleichzeitig lässt die Filmemacherin den Zuschauer immer spüren, dass es eine Geschichte ist, die gut ausgehen wird.

Gedreht wurde im Kanton Appenzell Außerrhoden in der Gemeinde Trogen, in der bis zum Jahr 1989 noch die reine Männerlandsgemeinde stattgefunden hat (im Youtube-Clip gibt’s noch ein Nein zum Frauenstimmrecht!). Während die schweizweite Abstimmung ein Ja von Ständen und Volk erhalten hat.

Eine ans Herz rührende Lektion in Emanzipation, Ermutigung, sich gegen Unterdrückung zu wehren und wie Mut sich auszahlt gegen Gespött und Mobbing und für die Selbstbestimmung des Menschen, eine allgemeingültige Emanzipationsgeschichte, ein Bericht über das Artikulieren von Rechtsgefühl, wenn es auch gegen das herrschende Gesetz ist, auch ein Votum gegen Vorurteile.

Das ist eine der hervorragenden Qualitäten dieses Filmes, dass der Weg der Selbstbsetimmung prima verständlich und mit Empathie nachvollziehbar ist, sie rührt an Urmenschliches, an die Würde des Menschen, die er nur erlangt, wenn ihm Recht wiederfährt und er dies auch verlangt.

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