Aussteigen (BR, Dienstag, 25. Juli 2017, 22.30 Uhr)

Lustig und keck ist das Lied, das die Tochter Louisa unserer Protagonistin, der preisgekrönten Autorin Ariela Bogenberger, zum Ausklang zur Gitarre singt. Das ist Problem- und Existenzbewältigung über das Medium der Kunst.

Die Mutter macht etwas anderes in den ausführlichen Interviews mit Petra K. Wagner (Redaktion: Claudia Simionescu, Petra Felber, Fatima Abdollahyan). Sie breitet ihren seelischen Müll vor uns aus. Das ist zwiespältig.

Da ist einerseits die Info über die Sekte des Schweizer Psychiaters Samuel Widmer und dessen Psycholyse (Behandlung mit Drogen), in deren Hände Frau Bogenberger geraten ist. Nach eigenem Bekunden hat sie da fast 20 Jahre versucht, etwas zu reparieren, was gar nie kaputt war und dafür hat sie auch noch 100’000 Euro auf den Tisch geblättert. Dazu gehörten tantrische Übungen, über die sich hier zu unterhalten sie nun nicht gerade der Hit findet. Der Guru, der ist nur an Kohle interessiert.

Es ist spannend zu hören, wie sie erzählt, wie sie da reingerutscht ist in den Zustand der Indoktrination, der ein Hinterfragen desselben hermetisch ausschließt. Wie sie ihr Leben normal weiterführte, denn es handelte sich ja immer nur um Seminare, Wochenenden, Workshops etc, sie sei in so einer Gruppe. Nie hätte sie sagen könnnen, Leute, ich bin in einer Sekte gelandet. Oder man sagt, man macht eine Reise, man meditiert, nie aber hätten sie gesagt, sie nehmen Drogen.

Interessant ist sicher auch, wie die Erkenntnis, dass was faul sei im Staate Samuel Widmer allmählich an Boden gewinnt, wie raffiniert aber die Mechanismen in der Sekte sind, zu verhindern, dass ein Sektenmitglied so etwas formuliert oder gar Außenstehenden gegenüber äußert.

Andererseits macht Frau Bogenberger, deren Öffnung der Öffentlichkeit gegenüber zu respektieren ist, den Eindruck eines tief verunsicherten Menschen. Von dem aussgehend, dass sie nicht mehr wisse, selbst zu entscheiden, was gut und was nicht gut für sie sei, denn das hat immer die Sekte übernommen. Dann erzählt sie doch schweren Herzens über ihre Familie, Künstlerbackground und auch schlimme Erlebnisse ihrer Tochter, Unfälle mit Todesnähe, unendlich viele Pflegleistungen; zu schweigen vom selbst erlebten Missbrauch.

Das ist das, was einen vielleicht wahnsinnig machen kann an so einer Übung, dass sie einerseits ja loskommen will von dieser Dauervivisektion der Seele, die die Sekte betreibt, dass sie aber auch durch das Reden darüber, das Problem möglicherweise irgendwie bewältigt, andererseits aber just in der Interviewsituation weiterbetreibt, was den unangenehmen Eindruck erweckt, die Chose sei noch lange nicht ausgestanden. Auch mit den Kärtchen und den Begriffen drauf, mit denen sie an einem Tisch hantiert, erweckt sie den Eindruck, sie wühle noch in dieser kaputten Seelenhistorie.

Da scheint die Tochter mit dem Griff zu künstlerischen Mitteln einen geschickteren Umgang mit den Problemen gefunden zu haben. Denn das ist in der Psychologie wohl anerkannt, dass Kinder die unverarbeiteten Traumata der Eltern übernehmen. Spezielle Untersuchungen zu dem Thema gibt es auch im Hinblick auf holocaustgeschädigte Familien. Wie das noch in der zweiten und dritten Nachfolgegeneration fortwirkt, das als Nebenbemerkung.

Erfreulich sind solche seelischen Mülleimerausschüttsituationen nicht. Die Frage ist, ob das Thema mit derselben Protatogonistin fruchtbarer und erfreulicher zu transportieren wäre, als sie just in die Interviewsituation zu stecken; wobei sie selber sagt, sie wolle auf gar keinen Fall beim Kochen gefilmt werden. Irgendwie scheint es, als führe sie die Sektensituation eins zu eins öffentlich-rechtlich fort, als könne sie nicht loslassen.

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