Marie und die Schiffbrüchigen

Schiffbruchgefährdet ist die menschliche Seele.

Die Ile de Groix mit ihrer Weltrarität von konkavem Wanderstrand wird in diesem wunderbar unkompliziert vielschichtigen Film von Sébastien Betbeder zum Symbol für die Schiffbrüchigkeit der Existenz, für den Magnetizismus zufälliger Bekannt- und Liebschaften und Begegnungen, die wiederum literarisch verarbeitet werden sollen.

Ein Film, der mit einer Zufallsbekanntschaft in einer Pariser Kneipe beginnt. Siméon (Pierre Rochefort), der eben seiner brüchigen Biographie einen Mosaikstein hinzugefügt hat, begegnet Wim (Wim Wilaert), der gerade auch bei einem unmotivierten Vorstellungsgespräch abgelehnt worden ist; dies aber als Erleichterung empfindet.

Die beiden verstehen sich auf einer tieferen Existenzebene auf Anhieb, sie singen spontan im dem Lokal. Damit ist das Prinzip, wie Menschen zusammenkommen, wenn sie Schicksalshaftigkeit verbindet, illustriert, es ist die Verbindung, die Reisende näher bringt, eine gemeinsame Strecke des Weges zu gehen, des Lebens.

Siméon hat Beziehungskisten und eine getrübte Jugend hinter sich, hat den Traumberuf des Redakteurs endlich bekommen, bis die engagierte Zeitung Modoi pleite geht und er arbeitslos ist.

Siméon gründet mit seinem besten Freund Osacar (Damien Chapelle) eine WG. Oscars Spezialität ist der Somnambulismus; er möchte das mit einer Infrarotkamera aufnehmen; er leidet unter Elektrosensibilität und nutzt diese, um Techno zu machen.

Ein Thema, was auf anderem Wege Eingang in den Film findet. Denn Siméon stößt über ihr verlorenes Portemonnaie auf Marie (Vimala Pons) und ist gleich fasziniert von ihr. Über sie kommt ihr Ex Antoine (Eric Cantona) ins Spiel, ein Autor mit ebenfalls keiner glatten Biographie (ua Recherche im Milieu Elektrosensibler). Mit seiner Familiensaga „Meerestiefen“ hat er noch nicht den Durchbruch geschafft.

Die Figuren steigen ab und an wie aus aus den Rollen, ohne jedoch anders zu spielen, erzählen etwas aus ihrem Leben voller Wechselfälle, welche den Magnetismus unter ihnen plausibel macht.

Auch Marie hat die Geschichte umhergeworfen aus dem Land ins Nachtleben von Bordeaux bis hin zum Fotomodeljob. Antoine warnt Siméon, Marie sei gefährlich.

Diese Protagonisten drehen sich nun um einander herum wie Gestirne, nähern sich einander, entfernen sich, treffen sich, verfolgen sich.

Ein Fotojob bringt Marie zur Insel Groix, in der die rätselhaften Lebensläufe unter Kollisionsgefahr gefährlich nah aufeinandertreffen.

Mit Blinzeln betrachtend wirkt der Film, als ob er die Menschen wie Motten sieht, die um ein Licht tanzen, der Sehnsucht nach Licht ausgeliefert und mit dieser verbindenden Sehnsucht einander näher gebracht. Könnte so als Existenzinterpretation gelesen werden.

Auf der Insel Groix stößt Cosmo (André Wilms) zum Ensemble und fügt der Vielschichtigkeit des von Betbeder entworfenen Menschenbildes noch die Nuancen philosophischer Musik hinzu. Cosmo dreht ein Musikvideo mit Marie.

Auch Suzanne (Emmanuelle Riva) als zeitweilige Vermieterin von Marie, bereichert das Lebensbouquet, das dieser Film zeichnet, um wunderbare Farben. Eine Vielfalt aus Vergänglichkeit, Vergangenheiten und Träumen, aus gesteuerten und kaum steuerbaren Laufbahnen, gerne auch am Rande des Bizarren und der Randerfahrung oder wie an langen Fäden des Grotesken, irrisierende Magnetfelder der Liebe, des Lebens, des Lichtes und anderer elektrischer Strahlungen.

Auf der Insel Groix steigen einige der Protgonisten im Hotel De La Jetée ab. Hier wird Antoine seinen neuen Roman schreiben: Marie und die Schiffbrüchigen.

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