Born to Be Blue

Bitteres Biopic.

Ein cleaner Film über einen uncleanen Musiker oder über die Schwierigkeit bis Unmöglichkeit, vom Heroin wegzukommen oder die Problematik des Heroinkonsums vorm Hintergrund der fabelhaften Jazzmusiker-Karriere von Chet Baker, der im Original viel mitgenommener ausschaut als Ethan Hawk, der ihn in diesem Bio-Drogenentzugs-Pic nachspielt und dieses Defizit mit einem eher schuldbewussten bis weinerlichen Habitus zu kompensieren versucht.

Robert Budreau hat das Drehbuch verfasst und die Regie geführt. Er fängt fingerzeigdick symbolisch mit einem Bild an, das Baker auf dem Boden zerstört zeigt und die Trompete neben ihm.

Er fängt an im Jahr 1966 in Lucca in Italien. Baker ist dort im Gefängnis. Er kommt überraschend frei. Ein Hollywood-Produzent will sein Leben verfilmen mit ihm als Hauptdarsteller. Dann springt der Film ins Studio und zurück ins Jahr 1954, die nachgestellten Originalsszenen werden in Schwarz-Weiß gezeigt. Eine Groupie-Frau verführt ihn zum Heroin.

Es folgt eine handfeste Szene mit seiner Frau, die dazukommt. Aber den ersten Schuss hat er intus. Das macht der Film fast wie ein Drogenaufklärungsfilm überdeutlich klar, dass der erste Schuss die sofortige Abhängigkeit nach sich zieht.

Der Film fährt jetzt fort als eine Art bittere RomCom mit der Geschichte zwischen Baker und der Schauspielerin Jane (Carmen Ejogo), die seine frühere Gattin Elaine zu spielen hat.

Wobei die Story mehr illustrierend passiert. Wie sie Bowling spielen, wie er mit ihr seine Eltern in ländlicher Einsamkeit aufsucht, wie er vorher von Schlägern zu Boden geworfen und getreten wird, eine Abrechnung von früher, was ihn die oberen Zähne kostet (bisher hat er deutlich sichtbar eine Zahnlücke von einem Zahn gehabt, auch die wird später in einem Gespräch erklärt); wie er wieder am Boden zerstört ist; wie er den Entzug mit Methadon versucht und mit Hilfe von Jane.

Auch diese Liebe wird mehr markierend und erinnernd vorgetragen. Wie er mit künstlichen Zähnen und mit eisernem Willen wieder zu üben anfängt; das ergibt jede Menge hübsch-fotogener Bilder in idyllischer Umgebung.

Es kommt zu einem Konflikt zwischen ihr und ihm, weil sie auch ihre Schauspielerkarriere weiterverfolgen will. Er nimmt sie nebst dem Bewährungshelfer als selbstverständliche Entzugshilfe in Anspruch und natürlich auch als Geliebte. Mit kleinen Auftritten im Jazzclub „Pizza-Jazz“ wird er als Musiker wieder aktiv und übt weiter, bis er in New York spielen und wieder zur Weltklasse aufschließen kann.

Wobei just zu diesem Zeitpunkt, von dem seine Zukunft und eine Europatournee abhängt, Jane ein Casting in L.A. hat. Das bedeutet für ihn: Krise. Sofort liegt das Heroin griffbereit.

Ein gewisser Widerspruch in diesem Film scheint mir seine cleane Machart, alles ganz klar und sorgfältig darzustellen, fast auszustellen, besonders die Gefahren des Heroins, nebst schönen musikalischen Auftritten, während Jazz als Musik den Rhythmus und das Gefühl und die Urkräfte feiert und gerade nicht das absehbar Geregelte.

So wirkt der Film gelegentlich mehr wie ein Aufklärungsfilm über die Gefahr der Sucht und weniger als ein Einführungsfilm in den Jazz von Chet Baker. Da fehlt es dem Film an Rhyhtmus, an Swing, an Wagemut, an der Grenzherausforderung, die der Jazzer sucht.

Die Schmerzen, die er mit den künstlichen Zähnen hat, die werden ganz dick herausgestellt, teils mit eigens geschossenen Großaufnahmen auf sein Gesicht und wie er reibt und schluckt. Oder das Gespräch mit Jane, wie beide auf dem Bett liegen und über den Zahn reden, das kommt wie eine eigene Kunstaktion rüber.

Anständige Nachbebilderung. Schönes Beispiel für die llustrationsintention, die auf die Darstellung innerer Konflikte verzichtet, ist die Garderobensituation vor dem eminent wichtigen Auftritt in New York. Er sitzt vor dem Spiegel. Vor ihm liegt Methadon und Heroin. Zu welchem wird er greifen? Er guckt eine Weile unentschieden in den Spiegel. Das müsste eine Szene von höchster Intensität und Zerreißspannung sein, ist es aber in der Regie von Robert Budreau nicht. Das kann sich der Zuschauer selber im Kopf ausrechnen. Wie so eine Szene als Kabinettstückchen, allerdings komödienhaft, ausgeschlachtet werden kann, ist im Theaterstück Lumpazivagabundus von Nestroy vorgegeben, wie der Knierim allein an einem Tisch vor einem Schnapsglas und einem Geldstück sitzt. Und bis zuletzt unklar bleibt, wofür er sich entscheiden wird.

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