Denk ich an Deutschland in der Nacht

Hefezellenkulturen hörbar machen.

Das ist hochintressant für einen, der die Bezeichnung musikalischer Banause durch und durch verdient, da er nie Musik hört von keinerlei Konserve, der die Geräusche seiner Umwelt als kontinuierlichen Sound wahrnimmt – und der sich just aus diesem Grund später im Film beim Philosophieren des Move D ganz schön wiederfindet.

Aber was hat der Heinrich Heine mit seinem titelgebenden Gedicht damit zu tun? Sein Gedicht ist geprägt von Tränen, Sehnen und Verlangen, von deutschen Sorgen, von Schlaflosigkeit, von Qual, vom Verbluten der Seele und nur das heitere französische Tageslicht und ein Weib lächeln ihm die Sorgen fort.

Will Romuald Karmakar mit seinem Film dem Heine einen Gegenentwurf präsentieren, eine alternative Alternative für Deutschland, eine Antithese (der Antiheine?), das Bild eines Deutschlands in gelöster Stimmung, als leicht wiegendes, friedliches Land ohne Verbiestertheit, ohne Krawall, ohne Hass – so ganz unheinisch und nicht bedeutungsschwanger?

Denn so ist die Stimmung bei den Konzerten und in den Discos, die die von den DJs generierte Sekundärmusik mit dem gleichbleibenden Rhythmus auf dem Level der niedrigen Wertegemeinschaft einer Party (Villalobos) herstellt.

Romouald Karmakar schafft es mit dieser besonnen-ruhigen Dokumentation, auch für den Nicht-Fachmann einen vibrierenden Einblick in die Herstellung dieser Musik zu vermitteln. Wobei es mir schwer fällt zu erkennen, was daran noch typisch Deutsch sei. Aber das ist vielleicht das Raffinierte an diesem Titel, dass dieses nächtliche Deutschland, das sich in Lichtorgel- und Stetoskoporgien zu diesem Sound wiegt und wogt mit dem Heine-Deutschland kaum mehr was zu tun hat.

Karmakar bringt uns in diesem Film fünf passionierte DJs, Kreateure elektronischen Sounds näher: Ricardo Villalobos, Sonja Moonear, Ata, Roman Flügel und Move D.

Karmakar beobachtet oft minutenlang seine DJs in ihren mit Schaltpulten, Kopfhörern, Lautsprechern und Elektronik vollgestopften Studios oder an der Arbeit in den Gezeiten von Discos und Konzerten. Ganz sparsam lässt er sie zu Wort kommen, wie sie dazu gefunden haben, ihre Anfänge, ihre Faszination. Trotz dieser großen Tranchen der einzelnen Sequenzen vergeht die Zeit wie im Fluge.

Frank Griebe stellt die Kamera immer an einer guten Position auf. Durch die Bildgestaltung setzt er mit Karmakar eindeutig die Sache, die ihn – und damit uns – ineressiert, in den Mittelpunkt und kein Ansatz einer Kamerwichtigtuerei. Bei Griebe ist jedes Bild eine Geschichte, ein Erlebnis bis zur Ekstase des Lichterrausches in dem die Genferin Sonja Moonear von vorne zu sehen ist, wie sie auflegt.

Klar, auch Techno ist Massenmanipulation. Und der Alk dürfte eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen, da weist die Beiläufigkeit, mit der er bereitsteht, daraufhin.

Techno
Für den Laien ein physischer Angriff auf das Nervensystem, der Gespräche in der Disco unmöglich macht.
Für den Fachmann aber ist das (ATA) ein riesiger Teppich und man sieht das Ende nicht, eine enorme Vielfalt an Musik, Genres und Kategorien. In Deutschland hat sie die Präzision eines Audis entwickelt und von der dadurch erreichten Klangqualität sind die Amis begeistert, sie ist seit über zehn Jahren ein Exportschlager, die größten und besten Djs kommen momentan aus Deutschland.

Der DJ schaltet sich als Elektroniker in eine Band ein (Vallalobos). Das kann durchaus schief gehen. Ein Drittel der Geräte sind Kontrolleure, man bietet Einhalt, hat alle Frequenzen zur Verfügung. Entstanden aus dem Wunsch, die Töne selbst herzustellen, Kork-, Knurz- oder Knarzgeräusche unter einen Hut zu bekommen und dabei zu versuchen, immer der gleiche Mensch zu bleiben.

Move D philosophiert mit Ausblick auf Heidelberg die Natur als einen Ort der Geräuschkulissen, auch der Verkehr, Zugluft unter Türspalt, da sind Melodien zu hören; frappierend ist die Diskrepanz zwischen Lautstärke auf Festivals und in Clubs, während die Natur das Gehör sensibilisiert, indem, was er macht, ist er eh auf der leiseren Seite. Wenn ich spaziere, spazieren die Ohren auch. Musik, die körperlose Art zu reisen, die faszinierendste Kunstform überhaupt … etwas, das einen durchströmt, trotzdem reproduzierbar geworden und kostet nichts, Beeren, Essen wird verbraucht, die Musik die Büchse der Pandora, in die du immer wieder hineingreifen kannst. Seine Philosophie reflektiert ungenannt Positionen von Nikolaus von Cues über die Leibnizsche Monadenlehre bis hin zur psychodelischen Erfahrung schlechthin.

Roman Flügel hat der Anschlag auf Charlie Hebdo in Paris zu denken gegeben, da er zu der Zeit in Paris war; er kann auf die Auftritte in den Discos nicht verzichten, damit er sich die Freiheit des Studios leisten kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.