Maikäfer flieg

Kinderaugen sehen die Welt anders und können grauenhaften Kriegsgeschichten Charme und Witz und Warmherzigkeit abgewinnen; denn sie bilden sich mit dem, was sie sehen, ihre Welt, die nicht unbedingt vom Positiv-Negativ- oder Nütz-Unnützdenken geprägt ist. Ein Film also mehr über kindliche Weltbildung denn ein Kriegsbericht.

Christine Nöstlinger ist eine begnadete Erzählerin. Sie erzählt in dieser Geschichte, die Sandra Bohle zum Drehbuch umgearbeitet und Mirjam Unger regielich betreut hat, ihre eigenen Erinnerungen an die Zeit des Zweiten Weltkrieges, 1945 als Wien bombardiert wurde bis zu den ersten Tagen des Russeneinmarsches.

Christine (Zita Gaier), so heißt die Protagonistin in erblühter Kindheit und Selbstbewusstheit noch ohne die Belastungen der Pubertät, eine bildhübsche und sinnliche Besetzung dazu, flieht mit ihrer Mutter (Ursula Strauß) und der älteren Schwester aus dem bombardierten Wien in eine vornehme Villa von Bekannten.

Die Kindersicht der Dinge kommt spielerisch gezeigt gleich in der ersten Szene zur Geltung: das Mädchen wühlt in den Schuttbergen und findet eine Schachtel mit Christbaumkugeln. Durch diese hindurch betrachtet sie ihre Umgebung, die aufgeregten Menschen vor den Trümmern ihrer Häuser und wie sie auf Hitler, der daran schuld ist, schimpfen. Dieses optische Mittel der Verträumtheit und Realitätsverfremdung wird von der Kamera noch öfter eingesetzt, um dieser Kindheit eine gute Portion Verspieltheit zuzuschreiben.

Das ist aber nur ein Teil. Denn das Mädel ist eigensinnig, will sich seine Welt zusammenreimen. Da gibt es besonders viel zu sehen, einerseits die Nachbarsvilla, andererseits die Russen, die die feine Villa für einen Major, einen Feldwebel, Ivan und Cohn (Konstantin Khabenskiy) requirieren. Cohn ist ein Schneider, der aus Überlebensgründen behauptet, er sei Koch. Zu ihm entwickelt das Mädchen ein Vertrauensverhältnis, nutzt später eine Fahrt von ihm in die Stadt, um sich in seinem Pferdewagen zu verstecken und so Oma und Opa zu besuchen. Oma wird in der kurzen Zeit eine gravierende Veränderung durchgemacht haben, sie ist nicht mehr die Frau, die sich vor gar nichts fürchtet.

In die Villa auf dem Land kehrt bald auch die Herrschaft zurück, Frau von Braun (Bettina Mittendorfer) mit ihrem blonden Buben (trauriges Symbol: er schläft mit einer kopflosen Puppe, sein Vater ist als Nazi-Pilot abgeschossen worden) und führt sich entsprechend auf. Doch die Not, der Mangel an Essen, macht solidarisch.

Der Einmarsch der Russen wird mit Bangen erwartet, denn der Vater von Christine (Gerald Votava) , der sich auch in der Villa versteckt, ist ein Deserteur und muss befürchten, liquidiert zu werden. Gefährliche Momente, wie sowieso bei den Russen dank Alkohol und Triebhaftigkeit schnell die Situationen eskalieren.

Es ist eine facettenreiche Welt, die Christine Nöstlinger schildert voll menschlicher Nuancen und Mirjam Unger inszeniert sie mit gefühlvoll leichtem Fluss, gelegentlich untermalt von leichten Pianotönen oder eine Schellack-Platte sorgt für Stimmung. Ein Kindheitsrausch vor katastrophal zeitgeschichtlichem Horiziont, erlebt und genau beobachtet von einem hellwachen Mädel.

Ein Gedanke zu „Maikäfer flieg“

  1. Ich liebe dieses Buch ……habe es schon des Öfteren gelesen.
    Sie schreibt so wunderbar, man ist direkt mit ihr verbunden.
    Maikäfer flieg ist unbedingt zu empfehlen.
    Auch so eine schöne Erzählung gibt es von Hildegard Können….. Liebesperlen und Lakritze….

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