Das Alter ist eine geschissene Gottesgabe,

so wir über 100 Jahre alt werden und einigermaßen gesund und fit bleiben und ein eigenes Haus haben und nicht in ein Pflegeheim kommen, über das es Schlagzeilen gibt wie „Horror im Pflegeheim“.

Das Alter ist eine geschissene Gottesgabe, den Titel von Dagmar Wagners Erstling von 1993 abgewandelt (Das Ei ist eine geschissene Gottesgabe). Es ist also damit zu rechnen, dass mehr hinter dem Film steckt als nur die Absicht, in Mäuschenmanier und im üblichen Dokumix verzopft ein bisschen aus dem Leben von über 100jährigen zu plaudern.

Mit acht über 100jährigen Menschen hat sich die Dokumentaristin Dagmar Wagner auseinandergesetzt. Sie befragt sie nach ihrer Befindlichkeit, sie filmt sie, lässt sie im Off erzählen oder im On, beim Frühstück, bei der Geburtstagsfeier, beim Fußballschauen und Kommentieren, beim sich Bewegen mit dem Rollator, im Bett liegend, beim Einkaufen, beim Erinnern, beim Hinausschauen auf den Garten, die Bäume, die Vögel, aufs Parkdeck.

Es handelt sich bei der Auswahl ihrer Protagonisten um Leute, die noch teilnehmen, die soziale Netze haben, denen zwar der Tag mal lang wird, es handelt sich nicht um arme Alte, – nebst München sind Drehorte um den Starnberger See angegeben – also das Thema Altersarmut wird in dem Film ausgeblendet.

Es sind zwar nicht alle so bschwingt wie die Pianistin Ruja Diebold, die auch zum Teil für den Sound des Filmes zuständig ist. Aber es sind reflektierte Leute, die meisten mit einiger Bildung und Ausbildung.

Dagmar Wagner lässt sie nachdenken über das Leben, über Gott und Gesundheit, über die Vergangenheit, Enkel und Urenkel oder erzählen wie einer einem Einbrecher Erste Hilfe geleistet hat. Sie lässt sie ihre Tage schildern, die Einschränkungen, die das Alter bringt. Das Leben Revue passieren, Krieg und Vertreibung spielen eine Rolle, das Alleinsein nach dem Tod des Partners, der Mann im Krieg, das Anbandeln im Alter, das Zubereiten des Betthupferls.

Die Befindlichkeit, wenn nicht mehr alles so geht wie früher, wenn man auf Hilfe angewiesen ist.

Sie stellt Fragen zum Sterben und was darnach komme. Ihre Protagonisten glauben an nicht allzuviel oder machen sich keine großen Gedanken. Die Filmemacherin hat auf ihre Annonce hin eher Atheisten oder Skeptiker gefunden und eine Klavierkünstlerin, die mit über 100 Jahren noch spielt und spielt.

Zitate
Wenn man des spürt, dass die Jungen denken, der Alte soll verschwinden.
Angst, weil i ned weiß wie des geht, wenn man stirbt.
Der Traum vom Einschlafen oder wenn man am Abend etwas nehmen könnte und dann nicht mehr aufwacht..
Ich habe ganz ehrlich den Wunsch, jetzt schon sterben zu dürfen, ich bin nicht depressiv, aber jetzt ist höchste Zeit.
100jährig ist ja kein Verdienst, man wartet nur ab.
Man selber wird ja nicht geehrt, nur das Alter.
Für einen selber geht das so weiter. Ist eigentlich mehr ne abstrakte Sache.
Wann kommt schon was Gutes im Fernsehen? Fast nie.
Rollator ist eine sehr gute Erfindung.
Aber die paar Stunden schlaf ich richtig, also sehr angenehm ist es nicht, wenn man in des Alter kommt, also bis Hundert ließ ich es mir ja noch gefallen, aber was drüber ist, taugt nichts mehr.
Unangenehm ist das Ganze, weil Sie nicht mehr gscheit sehen könnnen, nicht mehr hören, ich brauch immer jemand, der mir hilft.
So ca. 4, 5 Jahr sitz ich so im Rollstuhl, immer von früh bis abends sitz ich … es verbiegt es Ihnen das Gestell.
(nach dem Frühstück) ich bleib dann noch eine Weile sitzen und tu draußen die Vögel beobachten, ich schau nach vorne, ob da jemand die Straße entlang fährt … das tu ich so beobachten.
Ich bin dankbar für jeden Tag.
In die Gegend schauen, und dann meistens bin ich so müde und döse oder ich schau da nunter aufs Parkdeck und schau, wie dumm die sich anstellen beim Einparken.
Aber gemütlich ist es heute gar nimmer, jetzt bin ich in dem Alter, wo mir gar nichts mehr gfallt, jetzt bin ich reif für den Untergang.
Wenn dem Paule Breitner das Hemd raushängt aus der Hose, dann hat er gewonnen; aber dann schau ich viel fern, aber nur Tierfilme, Landschaften … keine Krimis.
Ich habe noch den Drang, alles selbst zu machen, was ich kann … auch wenns nicht so schön wird.
Alles Schlimme verdrängt man eher, die Vertreibung, das war das totale Chaos, man stand ja vor dem Nichts.
Ich wunder mich immer, wie geschickt die Fußballer hinfallen, gekonnt, gekonnt … Marokko schlägt sich doch besser als ich dachte.

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