Die andere Seite der Hoffnung

Vom Glück mit dem Glücksspiel.

Antörnend karg erzählt Aki Kaurimsäki (Le Havre) zwei Geschichten aus dem heutigen Finnland, die sich wie ganz natürlich begegnen und in einander involviert werden, aber erst da, wo man es nicht mehr erwartet, nachdem man schon eine Paralle zum Dokumentarfilm Seefeuer – Fuocoammare gezogen hat, in dem zwei unabhängige Welten ganz selbstverständlich nebeneinenanderher existieren, die eine von stupender Alltäglichkeit, die andere von stupender Nichtalltäglichkeit um Leben und Tod.

Ganz ähnlich hier. Ganz schwarz buddelt sich Khaled (Sherwan Haj) aus den Kohlen eines Schiffes, das ihn aus Litauen nach Finnland gebracht hat und geht in Helsinki von Bord. Russ wegwaschen, die Polizei aufsuchen und um Asyl bitten.

Khaled ist ein Aleppo-Flüchtling, dessen Haus in Schutt und Asche liegt, seine Schwester hat er auf der Odyssee durch Europa verloren. Er spricht Englisch, pflegt sich akkurat, ist ruhig, konzentriert, unaufgeregt. Er weiß, auf was er sich eingelassen hat.

Nicht anders ergeht es Wikström (Sakari Kuosmanen), einem älteren Finnen. Er hat sein Leben als Textilvertreter satt, möchte was Neues. Von seiner Frau trennt er sich, das wird minimalistisch skizziert von Kaurismäki, Wikström hinterlässt seiner Frau den Ehering. Später mehr davon.

Einer Kundin möchte Wikström sein Lager, 3000 Hemden abtreten, aber die ist selber dabei, ihr Geschäft aufzulösen, die möchte nach Mexiko emigrieren und dort High-Life zelebrieren.

Ein Film um Neuanfänge allerorten, um Hoffnungen und Wünsche. Wikströms Traum ist es, eine eigene Kneipe aufzumachen. Mit dem Geld, was er aus seinem Lager löst, geht er schnurstracks in einen verborgenen Spielklub, das ist schon eine Überraschung, und spielt so lange – nun, bis er glaubt, sich die Kneipe leisten zu können. Ihm arbeitet das Glück positiv zu. Dem Mutigen – oder auch dem von allen guten Geistern verlassenen – hilft hier das Glück.

Er, der Nicht-Wirt übernimmt zu einem günstigen Preis den Laden „Zum Goldenen Krug“ samt zwei Personen Stammpersonal – finnisch-kaurismäkisch eben. Das sind weitere, eigene Geschichten, wie sich die Kneipe entwickelt und wie Khaled dazukommt.

Das Amtspersonal wie Heimleiter, Flüchtlingshelfer, Polizisten, die sind alles sonntäglich korrekt gekleidet, haben einen hochanständigen Habitus, frisch gebügelte Hemden, sorgfältig geknotete Krawatten und einen sachlichen, höflichen Umgangston.

Vielleicht benutzt Kaurismäki die Geschichten auch nur, um immer wieder Musiker auftreten zu lassen, Straßenmusiker, Tanzband, ein Duo oder die Musik aus der Musikbox, volksnah.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.