Scarred Hearts – Vernarbte Herzen

Der Traum vom reinen Geist

spricht aus diesem Film von Radu Jude nach dem Roman von M. Blecher, das Ideal des reinen Geistes, der vom Körper befreit ist.

Um das cineastisch zu formulieren, und dass es so heutig wirkt, bedient sich Jude zielführender Mittel. Den Rohstoff vom Buch her liefern die Aufzeichnungen von Emanuel Blecher, der 1938 in Bukarest an Knochentuberkulose gestorben ist.

Emanuel (Lucian Theodor Rus) verbringt sein letztes Jahr in einem Oberkörpergips. Dr. Ceafalan (Serban Pavlu), ein eher grobmotorischer Arzt, ist der Meinung, dadurch könne die Tuberkulose ausheilen; in abenteuerlichen Einsätzen hat er vorher dem Patienten unter großen Schmerzen Abszesse mit eitriger Flüssigkeit, die auf den Knochenabbau zurückzuführen ist, mit einer voluminösen Spritze abgesaugt.

Es sind durchaus physische, unzimperlich ärztliche und pflegerische Vorgänge, die sich um den Körper von Emanuel, der nur noch liegen kann, abspielen.

Radu Jude unterbricht allerdings die Handlungen, die überwiegend in einem Sanatorium mit Gipspatienten am Schwarzen Meer spielen, mit Schwarztafeln, die in weißer Schrift Texte von Blecher enthalten. Diese eröffnen sein geistiges Universum, dasjenige eines gebildeten, denkerischen, wachen Menschen.

Als weiteres Mittel hat Jude sich entschieden, den Film im Format 4:3 und auf 35-mm zu drehen, wodurch er wie ein ganz persönliches Dokument wirkt und sich deutlich von der Masse der Filme, die wöchentlich ins Kino drängen, absetzt.

Schließlich lässt er seine starke inszenatorische Hand unsichtbar werden, indem er die Kamera wie irgendwo in der Wand oder in einer nicht beachteten Ecke des Raumes platziert und die Szenen fast ungeschnitten durchspielen lässt. So wird der Zuschauer selbst zum Gucklochneugierer, erlebt das Geschehen als aktuell aus diskreter Position heraus.

Wobei auch die Dialoge für die Szenen meisterlich geschrieben sind, da kommt keiner rein und fragt, was ist denn hier wieder los, da muss keiner kotzen, wenn der Film glaubt bekanntgeben zu müssen, dass es sich um ein ernsthaftes Thema handle. Hier wird gelacht, werden Witze erzählt, auch bei einer OP oder wenn der Patient eingegipst wird.

Und nur geistig ist er natürlich nicht. Es gibt da Solange, das Beispiel für eine gelungene Heilung, die arbeitet in der Nähe als Sekretärin und es gibt gar eine Mitpatientin im Gipspanzer, auch da kann Mann im Gips es mit dem Sex versuchen.

Es geht hier also nicht um eine abgehobene Geschichte, wenn auch behauptet wird, es gehe darum, zu erforschen, was des Menschen Geist, was der Mensch überhaupt sei angesichts von körperlicher Begrenzung, besonders als Sanatoriums-Patient, angesichts seiner Anfälligkeit gegen Krankheit und sowieso seiner Sterblichkeit, die Hülle, Vorstellungen vom Tod und auch angesichts der Schmerzen, andererseits gerade das Freiheitsgefühl, nur noch zu liegen, zu denken, zu zitieren – Emanuel veralbert auch mal einen Nivea-Werbespruch.

Ein bildliches Beispiel zur Todesvorstellung bringt Jude anlässlich einer Beerdigung; kaum ein Film heutzutage, in dem keine Beerdigung vorkommt, aber auch hier schafft er eine Differenz: eine distanzierte Aufnahme von hoch oben, eine Gesamtansicht in malerischen Dünen am Meer. Dann ganz nah: die Grube, in die der Sarg abgesenkt wird, ist knietief mit Grundwasser gefüllt, der Sarg schwimmt. Zu oft, würde ich zu wagen behaupten, habe ich das im Kino – und schon gar nicht im sogenannt realen Leben – gesehen. Und es scheint nicht, als habe der Regisseur das gemacht, um einen besonderen Selling Point zu produzieren, um aufzufallen; gerade diese Szene wirkt wie eine Illustrierung der Grundaussage in diesem Film über den Menschen; der schwimmende Sarg; so viel Leichtigkeit, so viel Freiheit – und so gruselig..

Ein weiterer Effekt, der zu dieser Sinnbidllichmachung von Geist beiträgt: anfangs ist der Protagonist in ganzer Größe, er kann sich noch bewegen, in feinem Anzug und mit Sommerhut mit seinem Vater unterwegs zum Dr. Ceafalan und seiner Klinik wegen der Untersuchung.

Sein hageres idealschönes Gesicht eines jungen, intelligenten Mannes kommt wunderbar zur Geltung. Als leinwandattraktives und leinwanddominierendes Phänomen verabschiedet es sich zusehends aus dem Film; die Worte, die aus diesem Kopf kommen, die sollen wahrgenommen werden; während der Patient meist im Bett liegt (oder auf einer Bahre zu einem Abenteuerbesuch bei Solange in der Stadt); flach aus flacher Perspektive und auf dieser Ebene noch andere Köpfe dazu, von seinem Sanatoriumsfreund Victor (Bogdan Cotlet) oder von seiner Sanatoriums-Freundin Isa (Ilinca Harnut). Weil er nicht möchte, dass wir an seinem Leid uns ergötzen oder mitleiden; auch diese Seite von Krankheit wird im Film thematisiert. Das zumindest ist godardisch.

Greta Garbo taucht auf einem Filmplakat in einem der Sanatoriumsgänge auf, Shakespeare wird zitiert, Sokrates, Plato und vieles mehr aus der Geistesgeschichte, aber ganz ohne Kompendiums- oder Kompilationscharakter, sondern eingebaut als lebendiges Filmschrot, Filmkorn.

„Wie sehr Sie El Grecos Inquisitor ähneln“
„Die perfekte Belanglosigkeit dieses wunderschönen Tages.“
Lob von Faulheit und Ruhe, Stille und Ruhe.
Rudolf Carnap.
Untergangstraum vom Sanatoriumsschiff.
„Sinnlosigkeit, die in die Welt kriecht.“

Um das Werk von Becher ernsthaft zu referieren, müsst man es schon als Text vor sich haben; im Film geht das zu schnell, kann nur einen Eindruck erwecken, Lust machen, es zu lesen.

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