Antiimperialistische Poesie,
in dem Sinne, dass Nicolas Humbert, der Macher dieses Filmes, ganz unmacherhaft sich magisch angezogen fühlt von Stellen auf unserem Planeten, die nicht beherrscht und kontrolliert werden von der modernen Industrie- und Beherrschungswelt, vernachlässigte Ecken, Ruinen und was da wuchert, verkommene öffentliche Orte wie Rabatten zwischen Bäumen am Straßenrand.
Mit den ersten Bildern gibt uns Humbert zu verstehen, was ihn beschäftigt, was für ihn die Motivation ist zum Aufsuchen seiner Sehnsuchtsorte: ein Hund, der auf brüchigem Eis nur schwer vorwärtskommt, ein Baum, der gefällt wird, ein Vogelkücken in einer schützenden Hand. Es geht um die Natur, um Verletzlichkeit, um Brüchigkeit, um Schutz. Und daraus folgernd um die Suche nach Geborgenheit, Frieden, Ruhe. Also um einen Zwischenbereich, ein Zwischenreich zwischen industrialisierter Zivilisation 4.0 und der reinen, wilden Natur, in der brutaler Überlebenskampf herrscht. Es sind dies Bereiche einer ausfransenden Zivilisation im weitesten Sinne die Prärie eines Dakota-Indianers über ein zerfallendes Detroit, von dem die Natur (und ein wilder Gärtner) sich einiges zurückholen, oder nicht beachtete Straßenränder bis zur landwirtschaftlichen Kooperative bei Genf, die bei der Ernte auch mal die scherbelnde Internationale erklingen lässt.
Der Dakota-Indianer mit seiner Allharmonielehrer und dem Lied der Natur, der Rituale auf einem Friedhof durchführt; der amerikanische Gärtner in Detroit, der seine Lebensphilosophie des ewigen Kreislaufes am Kompost verdeutlichen kann und Äpfel und Früchte erntet, wo er sie findet, und Holz auf dem Friedhof klaut, die Kooperative bei Genf, die den Bezug zur Natur wiederherstellen möchte und das als Akt des Widerstandes sieht, der Anarcho-Gärtner in Zürich, der ganze Straßenzüge wild mit Malven bepflanzt und ein Samensammler ist; er sieht Pionierpflanzen als politische Gesinnungsgenossen, bei seiner Arbeit als Koch fällt so einiges ab an Samen.
Zwischen den Übergängen zu den Sehnsuchtsorten gibt es bildnerische Improvisationen. Humbert kann sich begeistern für eine schier endlose Parade weißer Blütenschirmchen vor dunklem Himmel, von chaotisch wirkendem Vogelflug oder von einem von den Scheinwerfern eines fahrenden Autos erleuchteten, leicht vernachlässigten Straßenbelag, von Blättern, die es über den Schnee fegt oder zerschlissenen Fahnen an einem Mast in Detroit, genauso wie ihn das Wort „Transform“ begeistern kann, das ein Kohlestift als Schraffur auf weißer Fläche hervorzaubert.
Humbert wirkt wie ein verträumter, versponnener Knabe, der einem Flugzeug oder einem Radfahrer in einsamer Straße hinterhersinniert, der als künstlerisches Zwischenspiel einen Eisenbahnzug dazwischenschneidet, der bei nächtlichem Gegenlicht zwischen den einzelnen Waggons einen kurzen Lichtstreifen aufblinken lässt. Er tritt in stummen Dialog mit einer Vogelfeder an einem verdorrten Halm, mit einem hilflosen Kücken in der Hand oder mit Regenwürmern in der Dreckhand oder wie viele Künstler mit dem verfallenden Detroit. Ihn törnen Philosophien des harmonischen Kreislaufes des Lebens an.
Humbert interessiert ein Zwischenraum, den der industrielle Mensch in der Natur gelassen hat; ihn interessiert nicht die reine Wildnis, sondern der Ort, wo die Natur sich vom Menschen etwas zurückholt, aber auch der Ort, dem der Mensch nach einer ganzheitlichen Philosophie der Natur als Pfleger und Gärtner etwas zu entlocken sucht.
Ein Film als Ausdruck der Suche nach Ruhe, Ausgeglichenheit, Einklang mit der Natur. „To be in peace and quiet“. Seine Protagonisten scheinen ausgeglichene Menschen zu sein und sehen gesund aus, ein wohltuender Nicht-Tumor- und Nicht-Kotz-Film. Die Musik ist zurückhaltend, geht auf das ein, was im Bild passiert, gelegentlich in Richtung eines leicht esotoerischen Techno-Jazzes tendierend. Die Photographie ist uneitel: die Kamera scheint wie magisch dem Interesse von Humbert zu folgen, dem was ihn berührt, was ihn beschäftigt ohne jeglichen Hinweis auf Photoehrgeiz. Der Vorrang gehört den Dingen, die sich wie autonom im Kreislauf der Natur bewegen, die da sind, ohne sich Privilegien oder Vorrechte herauszunehmen.