Die Blumen von gestern

Aus dem Zusammenprall von moderner Eventindustrie mit der Holocaustaufarbeitungsindustrie satirisches Potential zu schöpfen, das scheint anfänglich die Absicht dieses Filmes von Chris Kraus (Poll). Da eröffnen sich ungeahnte Minenfelder. Da ist kein Wort mehr frei von rassistischem Doppelsinn, da ist kein Sponsor aus der deutschen Industrie, der in diesem Zusammenhang keine betrübliche Geschichte aufzuweisen hätte.

Es geht um einen Auschwitz-Kongress, der von Professor Norkus (Rolf Hoppe) initiiert wurde, eine Kapazität der Holocaust-Forschung. Er erleidet den Tod in seinem Büro, wie seine beiden Mitarbeiter Toto (Lars Eidinger) und Balthasar (Jan Josef Liefers) handgreiflich werden und sich schlägern.

Dem Film beschert dieser Zwischenfall einige hübsche Bilder von Liefers mit Zahnspange und eingebundenem Kopf, einen herrenlosen Hund und ein Problem für den Kongress. Denn die Hauptholocaustzeugin Tara Rubinstein (Sigrid Marquardt) ist auf Professor Norkus fixiert. Konfrontiert mit Toto fängt sie an, Schwierigkeiten zu machen. Auch diese Begegnung artet in ein argumentatives Minenfeld aus.

Die Schauspieler absolvieren diesen Teil des Filmes mit brillantem Komödienpower, sie geben zu verstehen, dass sie dieses Handwerk erstklassig beherrschen; das lässt uns etwas vom Könnens-Rausch junger deutscher Filmleute erahnen, in dem sie sich zu befinden scheinen (und über die Schlägerei schweigen wir uns aus).

Damit ist aber erst etwa ein Drittel des über zweistündigen Filmes durchgestanden. Und es scheint, als habe Chris Kraus damit das Satirepotential aus dem eingangs geschilderten Konflikt ausgeschöpft. Was mit dem Rest anfangen?

Es gibt da eine Option, die Regisseur und Drehbuchautor wohlweislich eingeführt haben, es ist Zazie, Adèle Haenel, die uns schon in Liebe auf den ersten Schlag imponiert hat. Sie taucht mitten in diese Kongressvorbereitung als Praktikantin auf und wird Toto zugeteilt.

Um den Rest des Filmes aber zu verstehen, sollte man vielleicht versuchen, die Rolle von Lars Eidinger, Toto, nachzuvollziehen. Das erweist sich als kein leichtes Unterfangen. Von ihm ist zu erfahren, dass er aus einer strammen Nazidynastie stammt, die offenbar auch noch Jahrzehnte und Generationen nach dem Zweiten Weltkrieg die völkische Ideologie verinnerlicht hat und vertritt.

Jedenfalls scheint Toto noch mit 17 „Juden gerochen“ und sich überhaupt als voller Neonazi aufgeführt zu haben. Das werden wir sehr spät erst von seinem Bruder, der im Knast hockt, erfahren.

Es stellen sich zwei Fragen: wieso diese Lebensphase von ihm ein Geheimnis ist, wieso offenbar nur sein Bruder und sein Kollege Balthasar das wissen. Zweitens würde man schon gerne nachvollziehen, wie es zum Bruch mit dieser Ideologie kam, ob lautstark oder leise, ob öffentlich oder privat. Und wieso er ausgerechnet in der Holocaustforschung gelandet ist (nebenbei wird ihm noch eine Familie zugeschrieben, eine Frau und wegen Unfruchtbarkeit ein Adoptivmädchen mit dunkler Hautfarbe). Denn wenn er ein lautstark Bekehrter gewesen wäre, dann hätte er das ja als Qualitätsmerkmal herausstellen müssen, vom Nazi zum Naziforscher mutiert zu sein. Wenn nicht, dann ist schon fragwürdig, wieso er ausgerechnet diesen Job gesucht hat, wo er doch damit rechnen muss, dass im Institut von Professor Norkus auch seine Familie zu finden sei; und wenn ja, warum er sich, im Falle der Heimlichkeit, das nicht gezielt gemacht hat, um die Unterlagen über seine Familie zu vernichten.

Diese Unklarheit mag dazu führen, dass Eidinger den Forscher übelgelaunt anlegt, äußerst theatral, wodurch alle Leute wieder sagen können, was für ein guter Schauspieler er sei; und es dann offenbar egal ist, was für eine Rolle er spielt. Allerdings verflüchtigt sich dieser Duktus zusehends durch das Zusammentreffen mit Zazie. Da blutet die Holocaust-Farce plötzlich aus, schickt die beiden nach Riga (Farce, Satire hin oder her, ein paar ernsthafte Bilder von Holocaust-Gedenkstätten gehören in so einen Film, sonst würden die vielfältigen Förderer nicht mitmachen) und mutet uns ein merkwürdiges Liebesmelodram, was zum Qualodram mit AIDS-Witzen wird, zu, in welchem der Eisprung nach dem Geschlechtsverkehr mit einem Unfruchtbaren zu hören ist.

Vorschlag zur Güte: zeichnen wir diesen Film mit allen möglichen Filmpreisen aus, loben wir die Darsteller, so zeigen wir, dass wir uns der Ernsthaftigkeit des Themas bewusst sind und uns aber gleichzeitig davon entbinden, uns weiter und eingehender damit zu beschäftigen, den themenbedingten Obulus pflichtschuldigst abgedrückt. Eine weitere, kuriose Blüte für das Museum der deutschen Holocoaustaufarbeitungs-Filmindustrie.

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