Plötzlich Papa! – Demain tout commence

Der deutsche Titel ist eine Irreführung. Er lässt ein Klamotte vermuten, dass ein Mann sich plötzlich mit einem eigenen Kind konfrontiert sieht und dann alle Klischees vom unbeholfenen Papa durchdekliniert werden.

Protagonist Omar Sy als Samuel sieht sich zwar dieser Situation ausgesetzt und die ersten Szenen scheinen das durch den deutschen Titel bedingte Vorurteil zu bestätigen.

Doch der französische Titel heißt „demain tout commence“, in etwa, morgen geht das Leben an, und lässt doch auf eine tiefere Dimension von Autor Eurenio Derbez + 8 (wobei möglicherweise so viele Drehbuchköche etwas den Brei verdorben haben könnten) in der Regie von Hugo Gélin (Portugal, mon amour) schließen.

Die kleine Rahmenstory bestätigt das: ein Vater steht mit seinem etwa 8-jährigen Sohn am Rande der Falaises und verlangt von ihm, zu springen. Dann entfernt sich der Vater.

Zeitsprung. Sonne, Meer, Sommer, Yachten, der Bub ist jetzt der erwachsene, gut aussehende Samuel in der Personifizierung durch Omar Sy. Ein Lotterleben führt er als Yachtkapitän, um verwöhntes Volk und attraktive junge Frauen auf dem Meer herumzukutschieren.

Seine Chefin ist unzufrieden mit ihm, seine Kundinnen sind umso zufriedener, wenn der Trip seine Fortsetzung in Clubs und Bars findet und Samuel morgens im Bett zwischen zwei Blondinen aufwacht.

Es folgt der Klamottenmoment: eine Frau mit einem Baby im Arm steht auf dem Bootssteg, drückt Samuel das Baby und eine Tasche in die Hand und verlangt von ihm 20 Euro für die Taxe. Verdattert macht Samuel das mit, er sei der Vater, behauptet Kristin (Clémence Poésy) und sitzt schon in der Taxe Richtung Flughafen.

Man stellt sich jetzt auf den Fortgang in Frankreich am Meer ein, wie Samuel versucht, Lotterleben und Kind in Einklang zu bringen. Die Erwartung unterläuft der Film. Samuel hat mitgekriegt, dass Kristin nach London zurückfliegt. Er kann kein Englisch. Schon sitzt er selber im Flieger. Und kommt nicht zurecht in London.

In der U-Bahn wird er von Bernie (Antoine Bertrand legt die Rolle dieses Filmproduzenten grenzenlos schwul an) angemacht, vergisst das Kind, es ist wirklich eine beachtliche Stuntszene, die folgt, wie er über die ellenlangen Rolltreppen und Zwischengländer nach unten hechtet.

Damit ist die Schiene für eine längere Phase des Glücks im Film gelegt. An Details, wie alles genau zustande kommt, halten sich die Filmemacher nicht auf, einmal kurz geblinzelt und Samuel wohnt bei Bernie, ist von diesem als Stuntman engagiert worden, beherrscht das Metier auf Anhieb, ist gefragt und sein Töchterchen ist 8 Jahre alt.

Samuel kümmert sich liebend aber disziplinlos um sie, während sie ihm bei Sprachproblemen hilft. Er lügt ihr in langen Mails vor, die Mutter arbeite beim Geheimdienst und werde überall auf der Welt eingesetzt. Lügen, die bestens funktionieren, bis die Mutter auftaucht und Anspruch auf das Kind erhebt. Sie, die damals nicht damit zurechtkam.

Jetzt dreht die heiter-sorglos-lustig-helle Geschichte (obzwar in London) in ernstere Gefilde, in Richtung Melodram bis zur Austragung des Konfliktes vor Gericht. Wobei die Verhandlung Individualität aufweist.

Die Geschichte wirkt skizzenhaft entworfen – oder vielleicht nach wahren Begebenheiten nacherzählt. Denn den tieferen Grund für die Erkenntnis der Wichtigkeit des Loslassens, einer für Stuntmen elementaren Eigenschaft, das Genießens des Augenblicks, diese Einsicht erfahren wir erst ganz zuletzt. Getragen wird der Film vom fabelhaften Duo Omar Sy und seiner nicht weniger fabelhaften 8-jährigen Filmtochter Gloria.

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