Ein Tatort wie eine kleine Weihnachtsgeschichte mit einer melancholischen Wunderkerze zum Schluss.
Ein Tatort, der alle Anforderungen an einen Tatort erfüllt. Er erzählt eine Geschichte aus unserer Zeit. Er bringt Licht in ein gesellschafltiches Feld, von dem wir nur wie beim Eisberg den kleinen sichtbaren Teil über Wasser sehen, das sind die rumänischen Bettlerbanden/Bettlermafia, Bettlergruppierungen, denen jeder Heutemensch, der sich in einer deutschen Stadt bewegt, auf Schritt und Tritt begegnet oder direkt drüber stolpert.
Stein für Stein wird die Geschichte von Dinah Marte Golch (Redaktion Stephanie Heckner vom BR und Birgit Titze von ARD/DEGETO) aufgebaut, nachvollziehbar aufgedröselt und in spannendem Wechsel zwischen Fortschreiten des Falles und dessen Aufklärung durch die Polizei erzählt.
Unter der subtilen Regie von Markus Imboden und vor der uneitlen Kamera von Peter von Haller sind den gut besetzten Schauspielern (Casting: Siegfried Wagner) die Bemühungen um die Figur nicht zehn Meter gegen den Wind schon anzusehen.
Zur Glaubwürdigkeit der Story trägen genau so das Szenenbild von Oliver Hoese und die Kostüme von Birgitta Lohner-Horres bei.
Auf Musikuntermalung wird weitgehend verzichtet, einmal tragen die Straßenmusiker einer Mariachi-Gruppe Sound bei, lediglich, wenn es härter zur Sache geht, versucht eine diskreter Hinergrund-Musik das erträglich zu machen. Lediglich konzertante Klingeltonmelodien bilden lebensnah eine sporadische Tonkulisse.
Eine Busladung rumänischer Bettler kommt in München an. Mit dabei sind die beiden Schwestern Tilda (Mathilde Bundschuh) und Anuscha (Cosmina Stratan). Tilda ist hochschwanger; nach brutaler Behandlung durch ihre Chefs Calin (Alexandru Cimeala) und Radu (Florin Piersic Jr.), setzt eine Frühgeburt ein. Mithilfe ihrer Schwester bringt sie versteckt vor der Öffentlichkeit den Jungen zur Welt.
Das Kind birgt Risiken für die Mutter und für die Geschäfte der Bettler. Die erste Szene der Bettler erinnert an Bert Brechts Dreigroschenoper, zeigt die Bettler beim Empfang ihrer Bettelschilder und der Aufteilung der Touren.
Die Geburt des unerwünschten Kindes löst eine Reihe von Brutalitäten und Verbrechen aus. Der Zuschauer weiß meist ein bisschen mehr als die Kommissare, bekommt Einblicke hinter die Kulissen der Bettlergesellschaft in ihrer geräumigen Kellerabsteige oder wie die Bosse das Geld abkassieren und in einem kleinen Automaten zählen (egal wie realistisch oder nicht).
Ist schon die erwähnte Konstruktion publikumsfreundlich, so ist es auch die Schauspielerführung durch Markus Imboden. Er verlangt offenbar eher Unterspielen, stellt die Sache, das Ziel der Szene in den Vordergund, ganz im Sinne der Spannung und nicht des Hangs der Darsteller zum Brillieren.
Durch diesen Ernst der Regie wirkt das Stammpersonal glaubwürdiger, wobei Udo Wachtveitl als Franz Leitmayr sich mit der Tendenz zum Unterspielen leichter tut als sein Kollege Miroslav Nemec als Ivo Batic. Ganz auf sein häufiges Kasperltheater verzichtet der Pathologe von Robert Joseph Bartl, während Ferdinand Hofer als Kalli Hammermann noch zu unerfahren wirkt, um solche Details der Performance am Set schnell umsetzen zu können.
Auch die beiden rumänischen Schwestern kommen glaubwürdig. Schöne Funktionsfiguren bieten ferner Doris Buchrucker als Flaschensammlerin, Florian Karlheim als Busfahrer Bernauer, Alexander Gastner als André Szymanski von der „Hilfe für Rumänien“ und Attila Georg Borlan als Zivilermittler Josef Waducek, die Mittelsfiguren zu den Rumänen sind.
Der eingebaute Humor kommt nicht mit dem Holzhammer, so ganz nebenbei zeigt mal einer den Druck auf seinem T-Shirt, auf welchem das Christkind in der Krippe liegt, daneben zwei Geistliche, Text: „Maria, wir müssen reden“. Oder die kleine Szene mit Leitmayr neben zwei Pennern, einer bettelt eine Passantin an, sie wirft einen Zwickel dem Leitmayr in den Kaffee, der offenbar so dünn ist, dass das Geldstück darin identifizierbar wird.
Ein auffallend angenehm, schön zu schauender Tatort im Vergleich zu all den aufgedonnerten Versuchen, zuletzt Tatort: Die Wahrheit.
Ganz unterschwellig spielt Weihnachten als Fest der Familie mit; wohldosierte Einschüben aus dem Privatleben offenbaren viel Einsamkeit der Figuren.