Vaiana

Schon Monate vor dem Filmstart hatte Disney zu einer frühen Präsentation dieses Filmes eingeladen. Dabei wurden von der Produzentenin Osnat Shurer die Grundzüge der Entwicklung der Story und einige Szenen präsentiert. So dass man sich schon ein präzises Bild vom Film und den dahinter steckenden Erfolgsrezepten machen konnte.

Der eine Aspekt sind Geschichte und Kultur der Südseeinseln Fidschi, Samoa und Tahiti. Faszinierend zu hören, wie die Vorfahren ohne technische Hilfsmittel auf einfachen Schiffen und Katamaranen den Pazifik durchpflügten. Wie sie dann auf einen Schlag sesshaft wurden für 1000 Jahre und dann ging die Seefahrerei plötzlich wieder los, erwachte offenbar das alte Kulturgut zu neuem Leben.

Einen solchen Vorgang bauen die Autoren Jared Bush, Ron Clements +3 und die Regisseure Ron Clements und John Musker + 2 elementar in ihre Story ein. Sie gehen von der sesshaften Inselkultur aus. Der Stammeschef ist ein bulliger Typ mit Lockenmähne und Halsgepränge aus Zähnen und Muscheln und volltätowiert (die Tattoos werden Analss zur Animation eines Klein-Maui geben); er will nichts von der Seefahrervergangenheit wissen.

Mauis Tochter ist die Hauptfigur des Filmes und heißt Vaiana. Sie wird zuerst als kleines Mädchen zu sehen sein, wie es am Wasser spielt und Beziehung zum Wasser, dem die Filmemacher auch eine Seele und einen Charakter attestieren, aufnimmt. Das Wasser ist wohlwollend zu ihr, bildet einen Gang, wenn es hineinschreiten will, wie einst das Meer um Moses oder bringt es auf einer Schale zurück an den Strand und winkt ihm mit einer Welle humanoid zu. Damit ist auch diese Beziehung charaktersiert als eine furchtlose, Vertrauen erweckende.

Von der Oma (die sich selbst als schräge Alte charakterisiert) hört Vaiana die Geschichten ihres Stammes, die Seefahrergeschichten. Oma wird sie in eine geheime Höhle führen, jetzt ist Vaiana eine junge Frau, 16, Coming-of-Age, auf der Suche nach Identität und Selbstbestätigung.

Diese Höhle sieht aus wie ein Schiffahrtsmuseum. In ihr sind die Schiffe aus früheren Zeiten aufbewahrt. Hier erwacht der unbändige Wille der jungen Frau hinauszufahren über die Meere der Welt.

Nebst dem Abenteuerwillen und der Selbstsuche gibt es einen ganz konkreten Zweck: den Fidschi soll das Herz aus der Sage zurückgebracht werden. Als Reisebegleiter wird Vaiana unterwegs den wieder zum Leben erweckten Maui haben. Ziel ist die Rettung ihres Stammes.

Damit kann das Roadmovie zu Meer losgehen, fehlen nur noch ein paar Disney-kompatible Begleitfiguren, alle leicht beschädigt oder eingeschränkt, aber voller Herz, Hei Hei, „der dämliche Hahn“, wie das Presseheft ihn beschreibt oder Pua „ein putziges Hausschweinchen“, das all die netten Regungen zeigt, die auch jedes Raubtier, wenn es klein ist, als süß ausweisen, mit niedlichen Reaktionen, die im Zuschauer den Mutterinstinkt oder in Erinnerung daran das Lachen hervorrufen.

So eine Reise braucht Gefahren. Das kann eine Insel mit einem riesig hohen Nadelberg von Felsen sein oder die seeräuberischen Kohorten der Kokomora, Massen von Kokosnüssen auf gewaltigen Kriegsschiffen.

Ist die Story noch ethnologisch begründet, so wird auf der Abenteuerreise das typische Disney-Comedy-Sortiment und gekonnter Routineblödsinn eingesetzt werden, Gags über Gags, alle paar Sekunden einer, auskalkuliert bis dort hinaus und zwischendrin immer mal wieder ein erwartungsgemäß mitreissender Song.

Nach dem Screening des gesamten Filmes entsteht der Eindruck einer gewissen Widersprüchlichkeit zwischen dem Perfektionsanspruch an Geschichte und Darstellung einerseits und einer gewissen Willkür und Beliebigkeit des Einsatz von mirakulösem Hokuspokus und Niedlichkeitselementen andererseits (diese des Schweinchens und der Welle und auch mal des Hahns); auch scheinen sich die Filmemacher in ihrer Idee der tanzenden Tattoos verliebt zu haben und diese etwas zu oft um ihrer selbst willen eingesetzt zu haben.

Der Start um Weihnachten herum bringt uns frierigen, fröstelnden Mitteleuropäern immerhin Südseesonne und eine elementar-kulturelle Geschichte großzügig angereichert mit Disney-Lustigkeit an Gags und Figuren.

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