Allied: Vertraute Fremde

Hier ist alles in der Schwebe, vielleicht weil Robert Zemeckis auf solidem erzählerischem Grund baut, auf dem Buch von Steven Knight (Bauernopfer – Spiel der Könige, Madame Mallory und der Duft von Curry, No Turning Back)

Die Geschichte ist so spannend wie in Zemeckis‘ Vorgängerfilm The Walk (auch Flight ist von ihm): der Gang des Seiltänzers Philippe Petit über das Seil, das er zwischen den beiden Türmen des im Bau begriffenen World Trade Centers gespannt hat. Abgrund allerorten.

Ähnlich ergeht es den beiden Protagonisten Max Vatan (Brad Pitt) und Marianne Beauséjour (Marion Cotillard). 1942 würfelt sie ihr Agentenschicksal im von den Deutschen besetzten Französisch-Marokko als vorgebliches Ehepaar zusammen.

Max landet mit dem Fallschirm in der Sahara. Ein Fahrer holt ihn ab. Er erhält minimale Informationen, dass Christine seine Gattin sei, dass sie am Vögelchen auf dem Schultertuch zu erkennen sei, dass sie mit Freunden in Casablanca im Kaffee sitze, dass er, der Brite, der hier einen Franzosen aus Paris mimen muss, einige Tage Urlaub habe, um sie mit seiner Gattin zu verbringen.

Schnell noch den Ehering angesteckt, die Papiere mit der neuen Identität durchgeschaut, den Koffer mit den Waffen im doppelten Boden erkundet – so wird er vom Fahrer mitten in der quirligen Stadt abgeladen. Auf ins Kaffee. Eine Seiltanzpartie von höchster Konzentration, nur kein Ausrutscher, die neue Identität perfekt spielen, auf Anhieb, ohne Proben, ohne vorheriges Kennenlernen.

Ein Grundsatz bei solch falschen Spielen unter Agenten ist, keine persönlichen Beziehungen entstehen zu lassen, die Liebe nur vorspielen, sie nicht sich entzünden lassen. Wobei da und dort ein Kuss sein muss. Man wird beobachtet. Man muss glaubwürdig bleiben, überzeugend wirken.

Es kommt härter: ein deutscher Offizier erkennt Max, der hier nicht Max ist, sondern Maurice heißt, während Marianne hier nicht Marianne ist, sondern Christine heißt. Der Auftrag der beiden ist es, ein Attentat auf den deutschen Botschafter in Casablanca auszuführen, ihn zu eliminieren. Im Gegensatz zum Einzelgängerattentat von Elser funktioniert das hier reibungslos.

Zemeckis erzählt das hochspannend, ihre Vorbereitungen, wie die beiden Schießübungen machen, wie sie Liebe vorspielen, wie sie sich näher kommen, das Prickelnde, die Einladung zu der Veranstaltung zu erhalten, immer schwebt das Misstrauen mit, gibt es kleine, unerwartete Identitätstest, kleine Fallen – ein Fehltritt und die Mission ist gescheitert, die Agenten können sofort tot sein.

Das Attentat ist also gelungen. Nur ist der Film noch nicht aus, er ist noch keine Stunde alt, da ist Max zurück in England, ist weiter beim Militär beschäftigt. Er schafft es, das eiserne Gesetz, Beziehungen unter Agenten nicht aufkommen zu lassen, zu durchbrechen; Marianne folgt ihm, sie heiraten, haben ein Kind; aus gespielter Liebe ist „echte“ Liebe geworden. Eine atemberaubende Szene ist die Geburt von Anna mitten in einem „blitz“ zwischen zusammenbrechenden Häusern und Bomben auf der Straße in London.

Kurz denkt der Zuschauer, hm, was soll jetzt noch kommen? Aber hier weiter zu erzählen, das halte ich nicht für angebracht. Das große Erzählekino von Zemeckis hat noch einige Twists auf Lager, hat noch einige Pfeile im Köcher, verliert keineswegs an Spannung. Und entlässt den Zuschauer glücklich und befreit, dass es so ein Kino gibt, das meisterlich die Kunst der Erzählung pflegt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.