Die Ängstlinge – Der Film. Vier gehören auf die Bank

Dies ist eine Review über einen Film, der nie gedreht worden ist; die Charaktere sind erfunden, die Handlung ist fiktiv; Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits gestorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Es ist ein Film über einen Film hinter einem Film.

Die Dramatis Personae sind Schrill Geiger (bekannt dafür, einen der wenigen deutschen Afghanistankriegspropagandafilme gedreht zu haben), Mandolina Keepsilent-Courter, Bullet Hereby und Jay Jay von Schlieben. Sie sind deutsche Subventionsstars, Hechte, die im trüben Karpfenteich des Kinolandes fischen.

Es sind Männer im Safte ihrer Kraft und ihres Erfolges, sie stehen mitten im Leben, haben allen Grund zur Selbstsicherheit, haben sich beachtliches Können erarbeitet, einen guten Ruf, kurz, sie haben alles erreicht, was man erreichen kann im Tümpel des hochsubventionierten deutschen Kinos und in so kurzer Lebenszeit.

Sie haben sich zusammengetan, um den großen Kino-Coup zu landen. Sie wollen allen zeigen, was fetziges Kino ist und Komödie dazu; sie wollen Ernst Lubitsch und Billy Wilder Mores lehren. Zu diesem Zwecke haben sie einen in Hollywood abgehalfterten deutschen Altmeister angeheuert (der hier frech nach mehr Subvention mosert). Der hat in einer Kommode, die er in der Heimat vergessen hatte, ein vergilbtes Manuskript gefunden, das vor Urzeiten Fernsehredakteure für drehenswert gehalten haben.

Mit dem aufgemotzten Altpapier wollen sie Furore machen. Es ist ihnen zuzutrauen. Sie haben öffentliches Geld zur Finanzierung aufgetrieben, Steuergelder, Zwangsgebührengelder. Sie stehen kurz davor, ihr Werk dem breiten Publikum zu präsentieren. Dazu macht so ein Projekt normalerweise aufgeregten, systematischen Medienwirbel, lädt, wer immer über Film bereichtet, zur Vorbesichtigung bei einer sogenannten Pressevorführung ein.

Doch just in diesem Moment verlässt unsere Helden (oder ihr Verleiher) die Courage. Sie geraten in enormen, inneren Konflikt. Die Scheißerei überkommt sie, die Angst, au, wenn die uns zerreissen, wenn die nicht gut über uns schreiben? Wie, wenn ein Blogger, womöglich einer aus Dinkelsbühl, uns nicht wohlgesonnen ist? Das ist eine ziemlich komische Szene, diese ausgewachsenen, millionenschweren Männer vor so kleinen Texten so riesenhafte Angst haben zu sehen, vor ein paar Wörtern und Sätzen, sie wie Espenlaub zittern sehen. Ängstlinge. Sie im inneren Monolog brüten sehen, oh, wie geschieht uns dann? Wir möchten doch geliebt und gehätschelt und verehrt werden. Wir sind Kritik nicht gewohnt. Kritik und Subventionskultur vertragen sich doch nicht, von Natur aus nicht. Unsere Beziehung zur Kritik ist im Eimer (das ist tatsächlich ein Problem, aber daran ließe sich arbeiten). Sie werden kurzatmig, ringen um Fassung, müssen sich auf eine Bank setzen.

Aus dem Hintergrund flüstert ihnen ein gewisser Bazin aus Frankreich beruhigend und suggestiv etwas zu über die Wirkkraft des Kritikers im Zusammenhang mit dem Fluss. Sie hören ihn nicht.

Sie hirnen und hirnen, wie sie es schaffen können, nur gute Kritiken zu erhalten. Sie lassen sich die Stirn mit kalten Tüchern abtupfen, denn so ganz sind sie von ihrem Werk doch nicht überzeugt und ein klitzekleines Bisschen Primadonnen sind sie inzwischen auch.

Mitten in die lastende Stille hinein hat so ein Vogel, der Oberschlaumeier von allen, die gloriose Idee: wir laden zur Pressevorbesichtigung nur Hofberichterstatter-Medien ein, dann bekommen wir garantiert nur Elogen. Heureka! Die Anspannung weicht aus den Gesichtern der Helden.

Und so halten sie es denn auch, wählen ganz streng aus, wer ist genehm und wer nicht, und nur wer unkritisch schreibt, bekommt eine Einladung zur Pressevorführung. Sie halten das für genial.

Allerdings ist da ein kleiner Schönheitsfehler dabei: denn ihr Werk ist mit öffentlichen Geldern finanziert, diese nehmen sie skrupellos in Anspruch. Das inkludiert allerdings auch, dass die Öffentlichkeit ein Recht auf umfassende Information hat, erfahren zu dürfen, was sie mit dem Geld anstellen. Hier werden unsere sonst nicht um Statements verlegenen Hechte plötzlich wortkarg. Das ist ihnen jetzt gar nicht recht. Skrupulös und wie die Jungfrau, die sich ziert, sperren sie einen Teil der multiplizierenden Öffentlichkeit aus. Das ist vor dem Hintergrund, dass sie öffentliches Geld in Anspruch nehmen, selbstredend ein gravierender Fauxpas: Geld von der ganzen Öffentlichkeit nehmen, aber eine Teilöffentlichkeit bei der Information außen vor lassen, das geht gar nicht.

Und wie es so ist mit Dingen, die nicht in Ordnung sind, sie haben in einer Geschichte ihre Folgen. Denn es handelt sich nicht um einen minimalen Schönheitsfehler. Also bedient sich der Autor unserer Geschichte eines Trash-Elementes und lässt seinen Protagonisten dicke, eitrige Furunkel mitten ins Gesicht wachsen.

Aber sie sehen die Furunkel nicht. Sie tun so, als sei alles bestens. Und tatsächlich, ihr Rezept funktioniert. Der Film startet, begleitet und beworben nur von den begeistertsten Vorberichten. Die Kinosäle füllen sich, jeder will Zeuge des Jahrhundertwerkes werden, des Werkes, das Deutschland den ultimativen Spiegel vorhält, des Werkes, das dem deutschen Kino endlich zu Weltgeltung verhilft. Alles erstarrt vor Ehrfurcht vor diesem bedeutenden Kinowerk. Die Helden stehen kurz davor, in Siegestaumel auszubrechen, doch da platzt die Stimme eines kleinen Jungen aus der hintersten Reihe in die Stille hinein: „Die haben ja alle so einen fetten Furunkel im Gesicht!“

Fußnote: einer von den nicht genehmen Kritikern soll auf die Aussperrung hörbar erleichtert gäußert haben: Gottseidank, mir werden zwei Stunden Lebenszeit geschenkt.

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