Wer über das Flüchtlingsthema murrt, kommt nicht drum herum, sich mit Afrika zu beschäftigen. Und vielleicht nicht so oberflächlich wie die Kanzlerin, die glaubt mit Geld für Waffen und Grenzsicherungen das Problem zu lösen und mit der Unterstützung dubioser Regimes.

Dieser Film von Jonathan Littell zeigt uns ein Stück Aufarbeitung von Blutgeschichte in der Region von Zentralafrika, Südsudan und Uganda. Es geht um die ugandische Rebellenbewegung LRA, die den Ewigkeitspräsidenten von Uganda, Museveri, der seit 1986 im Amt ist, seit 1989 stürzen möchte und dabei selbst in die grauenhafteste Ungesetzlichkeit abgestürzt ist.

Im Zentrum der Dokumentation von Littell stehen drei Menschen, die als Kinder von der LRA entführt worden sind, die Knaben zum Töten gezwungen, die Mädels, sobald sie geschlechtsreif waren, zum Kinderzeugen benutzt. Vom Chef der Rebellen, Kony, heißt es, er habe über 100 Kinder.

Geofry, Mike und Noughty sind die drei, mit denen Littell eine Reise zu einem ehemaligen Lager dieser Rebellen, nach Djenebi macht und sie erzählen, aber auch lachen, philosophieren, rumalbern oder feststellen lässt, dass sie ohne die Zeit bei der LRA nie Freunde geworden wären.

Den Film fängt Littell damit an, dass er die Gefangennahme junger Männer von der Feldarbeit weg durch die Rebellen nachstellt – im dichten Busch. Dann stellt er seine drei Protagonisten an ihren heutigen Lebensorten vor. Die beiden Freunde Mike und Geofry, dieser spricht auch Englisch, sind Taxifahrer mit dem Motorrad, sie fahren gegen Entgelt Passagiere von da nach da. Die Geschäfte laufen schlecht und das Benzin wird teurer.

Noughty, die junge Frau, hat jetzt von einem neuen Mann ein Kind, nachdem sie mit einem erzwungenen Kind des mystischen Führers Kony geflohen ist. Über ihn erfahren wir einiges von seinen Gebetsriten, seinen Trancezuständen, in denen er Texte diktiert.

Das Afrika, das Littell zeigt, ist nicht mehr eines des Hungers, sondern aufkommender Technisierung, von Mobilitätsentwicklung und Telekommunikation, nicht mehr dreckige Armut, bescheidener Lebensstil.

Bei der zentralen Aufarbeitungsreise lassen die Drei ausführlich die Erinnerungen hochkommen: „Im Hinterhalt musst du gut organisiert sein, sonst bist Du am Arsch“ oder die Erzählung vom „wandelnden Wald“ mit Buschwerk auf dem Kopf, um sich vor Helikoptern zu schützen, erinnert an Macbeth und den Wald von Birnam; sie lassen dabei den Abenteueraspekt nicht aus, der in knappen Erzählungen behandelt wird, aber auch über die Dinge, die sie gesehen haben oder tun oder sich gefallen lassen mussten; denn wer nicht parierte, der war gleich tot. Dann gibt es noch ein Kapitel über den zweitmächtigsten Mann Ongwen.

Ongwen hat sich ergeben. Der Film ist nun dabei, wie er von der offiziellen ugandischen Armee, der UPDF an die Afrikanische Union überstellt wird, die ausführlichen Formalitäten, die zur Überstellung zum Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag führen. Dazu filmt Littell auch die Reaktionen von ehemaligen Kindersoldaten, die das Verfahren am Fernsehen mitverfolgen und dabei Fotos mit dem Handy schießen.

Wie Bonusmaterial fügt Littell Heiler-Rituale an, die eine traumatisierte Frau, die auch als Kind entführt worden war, heilen sollen inklusive Schlachtens einer Ziege. Schließlich die Gegenüberstellung von Geofry mit einer Mutter. Er hat als Kind ihre Kinder getötet.

Zwischendrin immer wieder berauschende Afrika-Aufnahmen, Busch und Dschungel und die offenbar in so einem Zusammenhang unerlässliche Insektensymbolik sowie die klassische Musik, was ich immer weniger verstehe: sollen mit ihr solche Verbrechen geheiligt und einbalsamiert werden?

Dem Film voran hat Littell einen Satz der Gründerin der LRA, Alice Lakwena, gestellt: Krieg soll alle falschen Elemente in der Gesellschaft beseitigen. Zum Atemstopp kann auch Originalarchivmaterial aus der LRA führen. Wobei Geofrey für die Doku insofern ein dankbares Objekt ist, als ihm ein Element von Showman nicht fremd ist.

Hinterlassen Sie einen Kommentar