Die Habenichtse

9/11 war ganz, ganz schlimm. Deshalb hat Florian Hoffmeister, der Regisseur dieses Filmes (nach einem Drehbuch von Mona Kino nach dem Roman von Katharina Hacker) ganz viel und immer wieder Original-Nachrichten-Footage reingepackt in seinen vielseitig geförderten Film und auch viel Musik, die darauf aufmerksam macht, dass vieles nicht gut sei, was im Bild abläuft.

Und weil Hoffmeister offenbar daran zweifelt, dass wir den Ernst der Lage begriffen haben, konstruiert er illustrierend dazu eine Liebesgeschichte, die an 9/11 und seinen Folgen zu scheitern droht, was 9/11 noch schlimmer macht, weil der Ehemann Jakob (Sebastian Zimmler/) sich schuldig fühlt.

Dieses Schuldgefühl wird in mehreren Disco-Erinnerungs-Flashs evoziert, wo Jakob schummrig mit seinem schwulen Anwaltskollegen Hans (Ole Lagerpusch) tanzt. Denn wegen einer Verabredung mit ihm befand Hans zur Zeit der Anschläge sich auf den Twin-Towers und ist dort zu Tode gekommen.

Julia Jentsch, als Isabelle demnächst die Ehefrau von Jakob, darf höchst betroffen dazu äußern, dass sie wahrscheinlich auch nicht gesprungen wäre („ich weiß nicht, ob ich den Mut gehabt hätte, zu springen“). Ui, jetzt sinken wir immer tiefer ab in schwere Melowasser.

Wie tragisch das ist, zeigt Hoffmeister in zwei Szenen. Wie Isabelle die schlimme Botschaft erfährt, spielen sie und Jakob eine merkwürdige Gefühlsnummer einer Situation, die wohl kaum spielbar ist oder höchstens bei einem wirklich durchgearbeiteten Drehbuch. Gegen Ende wird Jakob den Friedhof mit dem Grabstein besuchen, eine ganz düstere Szene in diesem Schwarz-Weiß-Film und die Musik wird dazu dissonant erzählen, wie vieles doch auf dieser Welt nicht stimmig ist.

Und weil das alles so ungut ist und der Mensch nicht alleine sein soll, heiraten Isabelle und Jakob, die sich von früher kennen, nach dem Tod von Hans und ziehen nach London, weil Jakob den Job von Hans übernimmt. Der war nun ein speziell filmförderfreundlicher: es geht um Restitutionen in der Nachfolge des Dritten Reiches, damit haben wir das Thema auch noch platziert und dadurch ist die Welt jetzt noch viel schlimmer und die Musik muss noch dissonanter werden.

Eine Welt voller Schuld, Grund für noch mehr Bedröppelung, man spürt, wie diese Gefühle auf dem Regisseur lasten und ihn bedrücken. Und die spürt Jakob. Und daran droht seine Ehe zu scheitern. Und damit ja keine Freundlicheit oder Fröhlichkeit aufkommt, gibt es im London im Nachbarshaus eine Familie, in der die Gewalt und das Schreien herrschen und das Opfer ist die kleine Sara und wie Isabelle die Seitensprunggeschichte (parallel dazu gibt der Film Jakob in Berlin eine Seitensprungchance, die er nutzt und die die Musik entsprechend kommentiert) in London beendet und Jim mit zerstörerischer Wut reagiert, kann Isabelle ihren Gefühlsausbruch in einen Anruf an die Polizei wegen dem Mädchen Sara im Nebenhaus sublimieren. Dadurch wird sie offenbar frei für Jakob, der wohl auch halbwegs geläutert aus Berlin zurückkehrt.

Der Film will seine Motivation mit zwei längeren Zitaten untermauern und illustriert die diffizile Existenz von Isabelle mit einer Videoinstallation durch einen Künstler. Damit verortet sich der Film selbst in der künstlerischen Ecke.

Julia Jentsch scheint sich bei den vielen Rollen und den vielen schlechten Drehbüchern, die sie zusagt, eine Art darstellerischer Regenhaut wachsen gelassen zu haben, damit sie einigermaßen ungeschoren die Minderqualität überlebt.

Sie macht auch die kleinmädchenhaften Liebesanmache- und Liebesspiele mit, egal ob Jakob oder Jim oder wer auch immer die Chance nutzt, auf ihre schönen Beine zu sprechen zu kommen; uns enthält der Filme diese Reize vor – das ist nicht freundlich von diesem Film, diese vielgelobten Beine hätten wir schon gerne auch gesehen.

Kleinmädchenszene, wenn sie hört, dass Jakob nach Hause kommt, rennt sie wie ein aufgeregtes Teenage-Girl, was sie nicht mehr ist, zum Spiegel, zeigt damit Erregung. Dann kommen von ihr und von ihm zwei absolut neutrale, nüchteren „Hallo“. Oder die Auseinandersetzung mit Jim, die wie eine schauspielerische Szenenübung wirkt.

Dass der Autor auch noch Kondom-Witze einbaut in einer Duoszene von Isabelle und Jakob, zeigt, dass er mit dem Inszenieren von Beziehung nichts anfangen kann, dass das bei ihm alles lediglich theoretisches Konstrukt zum Aufbau seines Bedröppelungskinos ist.

Immerhin, das wussten wir noch nicht, dass die NSA 48’000 Parkplätze hat.

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