Ich, Daniel Blake

Ein Film für Andrea Nahles
und „alle verdammten Eton-Säcke“.

Dieses meisterlich-britische Soziodram von Ken Loach (Jimmy’s Hall, The Angel’s Share, Looking for Eric), nach dem Drehbuch von Paul Laverty (Jimmy’s Hall, The Angel’s Share – Ein Schluck für die Engel, Und dann der Regen) sollte Pflichtprogramm für Sozialpolitiker jeglicher Couleur als auch für die Arbeitsministerin werden.

So verschieden sind die britischen Verhältnisse von den deutschen nicht und genau so wenig der Circulus Vitiosus, in den ein Arbeitsloser hineingeraten kann, der noch dazu ein Herzproblem hat. Dave Johns als Schreiner Daniel ist kein Internetnative, sondern einer, der noch mit Bleistift schreibt. Das mindert die rhethorische Qualität seines Vermächtnisses, das an die Würde des Menschen appelliert, keineswegs.

Dieses Vermäctnis wird verlesen von Kattie, Hayley Squires, einer jungen Frau mit einem Buben und einem Mädchen, die ebenfalls arbeitslos ist, die sich als Putze anbietet, die den demütigenden Weg zur Tafel gehen muss. Sie und Daniel sind ein Stück weit ein Team. Er bringt den Kindern die Freude an Holzarbeiten bei und bekommt dafür menschlichen Kontakt und Anerkennung; gleichzeitig versinkt er immer tiefer in den Strudel der amtlichen Vorschriften, die den Bezug von Arbeitslosengeld ermöglichen sollen, denn immer ist eine Voraussetzung nicht erfüllt, immer beharren die Funktionäre auf ihren Vorschriften, die sich zum Teil krass widersprechen und ausschließen.

Um Arbeitslosengeld zu bekommen, muss Daniel eine Mindestanzahl von Bewerbungen schreiben, resp. er muss belegen, dass er sie geschrieben hat, nur mündlich vorsprechen gilt nicht, und falls er überhaupt eine Zusage bekommt, muss er absagen, weil er krank ist.

Ken Loach fädelt den Fall und seine Fallen höchst sorgfältig auf, er hat genau recherchiert und seine Informanten aus den Ämtern und Organisationen, denen er im Abspann dankt, bleiben lieber ungenannt.

Loach und Laverty haben so präzise gearbeitet, dass sich das auch darstellerisch auswirkt. Darin haben die Briten eine lange Tradition, das Arbeitermilieu zu schildern und haben die entsprechenden Schauspielertpyen zur Auswahl, die der Schicht die nötige Dialektfarbe geben. Wie die Bürokratie mit menschlichen Schicksalen umgeht, kommt so mit schneidender Schmerzhaftigkeit rüber.

Sicher lässt sich der Film nicht mit Toni Erdmann vergleichen, in keiner Weise. Ganz verständlich ist die Entrüstung der Kritiker in Cannes für mich nicht, dass sie sich über die Vergabe des Hauptpreises an Loach aufgeregt haben und dass er nicht an Toni Erdmann gegangen sei.

Mit so stechend scharfem Blick und Können wie dieser Film hier ist Toni Erdamnn dann doch nicht gearbeitet. Ist auch deutlich leichtere Kost durch das Farce-Element, was seine Verdienste nicht mindern soll. Aber gerade deutsche Drehbuchautoren können sich bei Loach/Laverty ein Beispiel nehmen, wie ein soziales Problem und Thema anhand eines Falles prima und spannend herausgerabeitet werden kann, da sind deutsche Filme wie Bergfried, Eine unerhörte Frau oder Ein Teil von uns unbedarfte Waisenkinder dagegen.

Hyperrealismus will gekonnt sein – erbaulich ist er allerdings nicht.
Während Toni Erdmann ein fröhliches, unterhaltsames Kaptialismus-Bashing betreibt, setzt Ken Loach mit dem Skalpell zu einer schmerzhaften Analyse von Fehlern in den Sozialsystemen an.

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