Sand ins Getriebe streuen.
Erstklassige Literaturverfilmung von Vincent Perez, der mit Achim und Bettine von Borries auch das Drehbuch nach dem Roman von Hans Fallada geschrieben hat. Wobei zum Verständnis zu berücksichtigen ist, dass Fallada den Roman kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geschrieben hat; das schlägt sich atmosphärisch nieder.
Die Filmemacher haben sich ganz in diese Zeit hineinversetzt, evozieren sie. Der Roman selbst spielt 1940, schlimmste Nazidiktaturzeit, keiner traut sich auch nur den Ansatz einer kritischen Bemerkung zu machen. Manche halten Juden versteckt, aber Spitzel und Denunzianten gibt es überall. Auch diese Figuren kommen im Film vor in einer Hausgemeinschaft in einem Berliner Wohnblock.
Sand ins Getriebe streuen, das ist die Devise des Werkmeisters Otto Quangel (Brendan Gleeson). Begeistert von den Nazis war er nie, er der Mechaniker in einer Schreinerei, die praktisch nur noch Särge zimmert.
Nachdem Quangel seinen einzigen Sohn, mit dieser Szene fängt der Film plakativ an, im Krieg verloren hat, entscheidet er sich, „Sand ins Getriebe zu streuen“.
Er fängt an, Postkarten mit oppositionellen Texten in kunstvoll verstellter Schrift und mit Schreibfehlern zu schreiben und in öffentlichen Gebäuden auf Treppenstufen zu verteilen. Der Titel heißt gerne „Freie Presse“. Darin wird Hitler etwa ein Lügner genannt und zu Misstrauen ihm gegenüber aufgerufen; Gedanken, die im totalitären Staat verboten sind.
Quangels Frau Anna, Emma Thomson, unterstützt ihn dabei, bangt mit ihm, deckt ihn. Daniel Brühl als Kommissar Escherich ist sein professioneller Gegenspieler. Bei ihm landen bis auf einige alle Karten von Quangel. Er spricht von der „Operation Klabautermann“.
Escherich markiert auf einer Berlin-Karte die Fundstellen mit nummerierten, roten Fähnchen. Es werden 267 werden. Escherich versteht sich nicht als Nazi, sondern als Kommissar und als präziser Profiler. Dadurch entsteht der Krimi der Story. Und klar, bei so einem systematischen Ermittler zieht sich die Schlinge um den ‚Kriminellen‘ immer enger zu.
Hier arbeiten also Menschen gegeneinander, die dem Naziregime mit Abneigung gegenüberstehen. Das wird zu einem etwas pathetischen Ende als Echo auf die Weiße Rose mit Escherich hinführen.
Eine der Stärken dieses Filmes ist die schauspielerische Konzentration und Herausarbeitung des Menschlichen dieser großartigen Protagonisten, die auch prima synchronisiert sind.
Die Filmemacher geben dem Roman von Fallada den Vortritt, versuchen nichts zu modernisieren, das wäre auch kaum möglich, versuchen die Haltung Falladas, die für viele heute vielleicht schwer verständlich ist, diesen Mitläufern, Tätern und ‚Straftätern“ gegenüber herauszuarbeiten. So glückt eine Literaturverfilmung, die auch eine 3.-Reich-Aufarbeitung ist, die ganz ohne den abgenudelten Kostüm- und Kulissenfundus und das längste verblichene Nazi-Blau-Grau auskommt, ok, Hitler-Gruß und Nazifahnen, das muss schon sein.
Während Elser spektakulär die Welt verändern will, reicht es Quangel, Sand ins Getriebe zu streuen; filmisch ist dies hier auf jeden Fall ergiebiger. Ein Film, der auch in Schulen eine gute Diskussionsgrundlage bilden kann.