Die Tänzerin

Warum sich nicht bedingungslos der Schwärmerei hingeben, wird sich Regisseurin Stephanie di Giustio, die auch das Drehbuch nach dem Roman von Giovanni Lista geschrieben hat, gesagt haben, um das fast vergessene Objekt ihrer Bewunderung im Kino wieder lebendig werden zu lassen? Ja, warum nicht.

Loie Fuller (mit Soko als beeindruckend punktgenauer Besetzung) und ihre sensationellen Tanznummern geben genügend her zum Schwärmen. Auch ihre Biographie von der Pferderanch in den USA auf die Bühne der Oper in Paris ist ein extremer Spagat.

Dieser Wildwuchs, dieses Energiebündel von junger Fau, zeichnet sich nicht durch Bedenkenträgerei aus, sondern durch kurzentschlossenes, zielgerichtetes Handeln. Aufgewachsen unter Pferden und harten Männern war kein Platz für Zimperlichkeiten, was vermutlich dem poetischen Traum von Blüten und wehenden, wirbelnden, feinen Stoffen nur noch mehr Schubkraft verliehen hat.

Wie der Vater tot ist, erschossen, hält sie sich nicht mit Trauer auf, sie schnappt sich die Pistole und reist nach New York zu ihrer Mutter, die in einer kirchlichen Einrichtung aktiv ist, ein Konvent, der in seiner bildlichen Erscheinung eher das Setting für einen düsteren Horrorfilm abgeben würde. Die Pistole wird ihr treuer Kopfkissenbegleiter.

Auch in Brooklyn geht sie zielstrebig vor, ihren Traum von der Schauspielerei umzusetzen. Die Chance eines stummen Dreiminuten-Auftrittes in einer Aufführung nutzt sie verpatzenderweise, das Kleid ist zu lang, für eine genial improvisierte Tanznummer. Ihr Stil ist geboren. So berichtet es zumindest dieser Film.

Fuller erhält Auftrittschancen, entwickelt immer geradeaus ihre Tanzspezialität mit langen Gewändern aus vielen Bahnen leichten Stoffes, die sie mit zwei Stäben schwungvoll in Bewegung versetzt und dabei traumhafte, zauberhafte bewegte Blütenbilder zum Leben erweckt; auch die Beleuchtung tüftelt sie genau aus.

Wie ihr Direktor vorbeugenderweise, falls Krankheit oder Ausfall aus anderen Gründen, eine Zweitbesetzung einübt, entscheidet sie sich Hals über Kopf, nach Paris überzusiedeln, denn dort, so hatte sie gehört, könne sie ihre Tanzfiguren patentieren lassen. Ihre treue Assistentin Gabrielle, Mélanie Thierry, begleitet sie. Das Geld für den Transfer schnappt sie sich bedenklos aus der Kasse ihrer Bewunderers und Förderers Louis Dorsay (Gaspard Ulliel).

In Paris wird sie zum Star und Symbol der Belle-Epoque mit ihren Tanz- und Gewandchoreographien. Auch in Paris hält Stephanie Di Giusto ihren Verehrungsmodus bei, immer nah an Gesicht und Atem ihrer Protagonisten, an den Schmerzensäußerungen bei völliger Verausgabung beim Tanz (erinnert an die Schmerzenschreie und das Schmerzgestöhn von weiblichen Tennisassen beim Aufschlag), bei den überwiegend vergeblichen Annäherungsversuchen von Dorsay, diesem makellos blassen Adeligen, der die Damen sonst problemlos haben kann und Abfuhren wie von Loie Fuller nicht gewohnt ist, und beim Auftauchen des Parallelgestirns Isidora Duncan am Tanzhimmel; allerdings wird hier mit der Besetzung von Lily-Rose Depp, die schön ist und viel lächelt auf die irre Energiebündelhaftigkeit von Duncan verzichtet, wodurch dramatisches Potential für diesen Film brach liegen bleibt; verzeihlich, da es sich um einen Verehrungsfilm handelt.

Di Giusto bleibt nah dran über die harten Behandlungen der überstrapazierten Gliedmaßen mit Eis bis zum Umfallen, bis zur Erschöpfung von Loie, bis zum Zusammenbruch und lässt ihn diesen noch nutzen für ein Bad in der Standing Ovation.

Ein Film, der vor lauter Verehrung Gefahr läuft, sich zu verlaufen, zu verheddern in den unendlich vielen, feinen, leichten Voile- oder Tüllstoffbahnen, die die Protagonistin wie eine Magierin und mit raffinierten Beleuchtungstaktiken herbeizaubert; eine Verehrung, die sich aus Stoffbahnen herausschält und sich in ihnen verliert.

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