Zeigen, was man kann – und Jan Krüger (Drehbuch zusammen mit Anke Stelling und Regie) und sein Team können einiges, zeigen eine bemerkenswerte Kinohandschrift. Andererseits sind sie noch nicht so gut, dass potentielle Geldgeber eines zweiten Filmes, Filmförderer und Fernsehredakteure, für die der Film in erster Linie gedacht sein dürfte (und für die Professoren zum Ausweis des im Filmstudium Gelernten), Angst vor einem Überflieger haben müssten. Sie können ersehen, dass Krüger ein Thema, gar ein verwickeltes (illegaler Aufenthalt, Wohnungsproblematik und dazu noch Schwulität) eigenständig und ansprechend behandeln kann, seine Darsteller führen und die einzelnen Szenen durchdacht schreiben, inszenieren, auflösen und schneiden.
Da ist viel Stimmigkeit und Schönheit, es haucht ein Flair des Faszinosums Kino immer wieder durch; die Dialoge sind angenehm und zweckdienlich knapp; da ist eine nachvollziehbare Begebenheit und den Figuren gönnt Krüger Momente inneren Monologes.
Die Krux ist mal wieder das Drehbuch, die deutsche Kinokrankheit, der fernsehbürtige Zwang zum Themenfilm und die Panik davor, ein Figur in den Mittelpunkt zu stellen, sie genau zu studieren und zu analysieren, sie zum Überflieger-Star zu machen.
Das zeigt sich darin, dass zwar die titelgebenden Protagonisten die Geschwister sind: Bruno (Julius Nitschkoff) und Sonja (Irina Potapenko), dass aber der Film aus der Perspektive von Thies (Vladimir Burlakov) erzählt wird und sich gleichzeitig bemüßigt fühlt, immer wieder diese zu verlassen, um auf die Berliner Wohnsituation aufmerksam zu machen.
Die Geschwister markieren ein Element der Wohnsituation, wo können Illegale unterkommen, denn Sonja hat keine Papiere, stammt aus Russland, während offenbar Bruno als aus Polen kommend da weniger Probleme hat. Ein belebender Cast auf jeden Fall.
Der Film fängt mit einer rein illustrierenden Szene an. Es geht um eine überlaufene Wohnungsbesichtigung, die Thies durch seinen Job bei einer Hausverwaltung durchführen muss. Das ist typisch deutscher Themenfilm, ein Kuddelmuddel an Sätzen und Figuren, bereitet dem Zuschauer Schwierigkeiten, in schönen Kinoflug einzusteigen, weil er weiß ja nicht, auf welche von den Sätzen und Figuren er sich einlassen soll.
Allerdings steht Thies klar im Mittelpunkt und die Erstbegegnung von ihm und Bruno ist prägnant herausgearbeitet. Sowieso scheint Krüger mit der Wasserwage an die Szenen ranzugehen. In dieser Szene wird die Liebesgeschichte zwischen Thies und Bruno schon angelegt, die aktiv von Bruno betrieben und ohne Widerstand von Thies in Gang kommt.
Ganz unschwelgerisch wird Krüger bald schon an die Mechanik der Leiber bei gleichgeschlechtlichem Sex rangehen.
Mir fällt auf, dass beim Beschreiben der Film viel mehr zu einem Film zusammenwächst, als ich es beim Screening empfunden habe. Dürfte mit der immer wieder aufkommenden Dominanz des Themas Miete und Illegalität zu tun haben, auch mit rein illustrierenden Szenen, die mit dem Job und nicht mit der Liebesgeschichte von Thies zu tun haben; die wirken erklärend und nicht storyfördernd, weil diese nicht vom subjektiven Standpunkt von Thies aus beschrieben sind, sondern in aufklärerischem Sinne als Infomaterial behandelt werden; das ist der große Hemmschuh zum definitiven Kinoflow.
Da bleibt der Film in Trödelszenen hängen, die auch noch das Thema Integration mittels Cast behandeln am Beispiel eines abgewiesenen Mieters, der seinen wütenden Auftritt haben wird, auch ein Ausländer.
Oder eine Reise nach Polen muss en detail einen Deal mit einem polnischen Trödler zeigen, bevor es zu einem weiteren Knackpunkt in der Liebesgeschichte zwischen Bruno und Thies in einem Bordell kommen kann. Denn es bleibt durchaus offen, ob Bruno Thies nur anmacht, weil er Wohnungen vermitteln kann, ob Bruno dieses Liebesverlangen in Thies gleich entdeckt hat.
Immerhin zahlt Thies für diese Liebe, indem er die beiden Illegalen in einer Wohnung, die bis zur Haussanierung leer stehen soll, schwarz einziehen und wohnen lässt. Wenn solche Themenillustrierszenen eingefügt werden, wirkt dieses Kino oft wie ein Keilschriftkino, weil es ja sorgfältig gearbeitet ist; aber die Proportionalität zwischen Themeninfo und Subjektivität des Protatogonisten Thies, die ist aus der Balance.