Tatort: Die Wahrheit (ARD, Sonntag, 23. Oktober 2016, 20.15 Uhr)

„Der Papierspender … ist kaputt“ –
Drohnenspielereien statt Spannung.

Das dürfte nicht der Sinn der Rundfunkzwangsgebühr sein, dass irgendwelche dahergelaufenen Figuren im Tatort ihre ungelenken Drohnenspielereien ausleben und dafür dem Zuschauer Spannung vorenthalten, sollen sie bittschön erst mal lernen, anständig zu inszenieren und Geschichten zu erzählen.

Es scheint sowieso, dass die Marke Tatort ihren Zenith überschitten hat, dass sie anfängt wie die Dinosaurierer an ihrer eigenen Größe und Wichtigkeit zugrundezugehen. Das zeigt ein neuartiges Phänomen: dass die präpotenten Stäbe, Funktionäre und Protagonisten, also alle jene, die von uns Zwangsgebührenzahlern bestens ausgehalten werden und die für die erbärmliche Mediokrität des vorliegenden Tatortes zuständig sind, immer mehr in den Anspann drängen, dass die initiierenden Szenen mit Schwarztafeln mit all diesen eminent wichtigen Namen ständig unterbrochen werden.

Also nicht mal flüssig anfangen darf die Chose. Bescheidenheit vor der Kunst und der Sache würde anders aussehen. Das sind typische Pfründenauswüchse. Wer hier vorne steht, hat es in der Pfründenhierarchie weit gebracht. Ein Qualitätsausweis ist es nicht.

Es wäre spannend zu schauen, wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk privatisiert würde, wie inzwischen diskutiert wird, ob sich ein Abnehmer für so einen Tatort fände. Eher dürfte er bei den Ladenhütern landen.

Da all die Namen inzwischen von so exorbitanter Wichtigkeit sind, steht es uns nicht zu, sie weiter zu erwähnen. Nennen wollen wir lediglich den Oberverantwortlichen für solch stutzerhaften Auswüchse, unter dessen blinden Augen solches stattfindet und den wir Zwangsgebührenzahler mit einem stattlichen Gehalt in der Lohnklasse einer Bundeskanzlerin ausstaffieren: Ulrich Wilhelm.

Verlassen wir uns auf das Gehör und zitieren den ersten einprägsamen Satz:

„Jetzt geht des scho wieder ned“,

schimpft die Kundin am Bankomaten. Der Satz kann als Leitmotiv für die ersten vierzig Minuten dienen. Der Satz steht bildhaft für den ruckeligen Anfang des Filmes wie auf einem schlecht ausgelegten Bahngleis durch die ständigen Unterbrechungen mit den Schwarztafeln und den Namen der Unsterblichen, die diesen Tatort zu verantworten haben. 40 Minuten lang stochert die Polizei im Trüben, keine der Fährten führt sie weiter. Stattdessen hat der eine der Kommissare zuhause ein schräg hängendes Bild justiert und der andere hat eine Panikattacke erlitten (seine „Psyche sendet dem Körper Hilferufe“). Einer Japanerin ist ihr Mann in aller Öffentlichkeit erstochen worden und wir waren Zeugen.

Die Drohnen haben viele erkenntnisarme Flüge absolviert (da hätten die Buben mal besser die Mordszene genauer und glaubwürdiger inszeniert!), es gab lauter falsche Fährten und Massenspeicheltests.

Immerhin konnte der Zuschauer ein Ratespiel daraus machen, ob er den Täter erkennen würde. Die Zeugenbefragungen machen klar, wie schlecht sich Leute an so etwas erinnern. Bis das unschuldige Auge des Kindes, das auch Zeuge war (was das Fernsehen hier einem Kind wieder zumutet!), als ernst genommen wird, das dauert noch, sonst hätte der eine Kommissar gar keinen Grund, Ersatzpapa zu spielen. Kommissare und Kinder, die machens wie die Politiker und gieren nach Publikumssympathie.

Die Wahrheit.

In den zweiten 50 Minuten geht es um den Titelanspruch „Wahrheit“, nachdem 40 Minuten lang nichts funktioniert hat. Mit Hinzuzug der Profilerin wird der Fall neu aufgerollt. Die Profilerin führt ermittlungstechnisch zu fruchtbaren Gedanken und Spuren, während das Thema Wahrheit nicht mal mit dem Stellenwert von Küchenphilosophie behandelt wird sondern lediglich als Abrisskalenderzitat („Wer die Wahrheit sucht, darf nicht erschrecken, wenn er sie auch findet“). Die Witwe des Opfers möchte die Wahrheit über den Täter wissen; Wahrheit umschreibt hier die Info, wer der Täter ist. Womit sich die Titelgebung „Wahrheit“ als hanebüchene Angeberei entpuppt.

Die Profilerin ist eine tragische Figur, nicht nur ist sie hübsch und attraktiv, sondern spielt auch noch super. Aber sie hat eingesehen, dass sie in solch mediokrer Umgebung versauert und verabschiedet sich für zwei Jahre zum FBI (Szene mit Wahrheitsgehalt); so kann die Mediokrität unter sich bleiben. Und uns wird ein Hingucker genommen.

Das übrige Provinztheaterensemble besteht aus einem verbittert verbiesterten Zwiderwurz von Polizeichef, einem Clown von Pathologen, dem Jungspundkommissarnachwuchs, der in traurige Routine abzusinken beginnt („ich geh was essen“). Es ist ein Tatort, wie ihn nicht mal Lieschen Müller schreiben würde.

Ein Thema wird angeschnitten, was an sich ein wichtiges ist, gerade bei den Teorroristen, es geht um die Medienpräsenz von Bösewichten und den Mitläufereffekt und um einen narzisstischen Soziopathen, der „Feigling“ nicht auf sich sitzen lassen kann; aber auch diese Themen sind nicht ansatzweise ausgearbeitet, geschweige denn zur Spannungserzeugung eingesetzt. Eine Fehlfährte wird eingeführt, um billig einen Obdachlosen zu porträtieren.

Die Drohnenspielereien wären zu verzeihen, wenn die Szenen, die sie ein- oder ausblenden, spannend wären, Gehalt hätten. Dem ist nicht so.

Auch hier gilt: der Mörder, der aus dem Fenster springt, erspart der Polizei viel Arbeit und garantiert ein Ende des Tatortes nach 90 Minuten, dumm nur, dass der andere Täter noch frei herumläuft – entweder weil das Team das Drehpensum nicht geschafft hat oder als ablenkender Gag, damit die Leute darüber diskutieren und nicht über die enormen Schwächen dieses Tatortes oder als PR-Coup, um einen weiteren Tatort anzukündigen (was dann kurz vor Ausstrahlung prompt geschah und mit Sperrfrist versehen wurde).

Beispiel eines Schnittes: Drohnenflug über hohe Wohnhäuser und Straßenschluchten – Schnitt – Kamera fährt in ungeminderter Geschwindigkeit auf den Schritt eines sitzenden Mannes zu, der die Hände davor gefaltet hat. Irgend eine Bedeutung, haben sich die Macher was gedacht dabei? Ich würde sagen: nullo.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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