Verrückt nach Fixi

„Lars und die Frauen“ hieß ein betörend, verstörend schöner Film über einen einsamen Mann, der mit einer Sexpuppe lebt (mit Ryan Gosling als Lars, Regie: Craig Gillespie). Diesen Film dürfte Mike Marzuk, der hier die Regie führt und mit Thomas Sieben das Buch geschrieben hat, gesehen haben, dürfte ihn kennen, denn der Film von Gillespie stammt von 2007 und just in dem Zeitraum hat auch Marzuk seinen ersten Film „Weißt was geil wär … ?“ gedreht.

Der jetzige Film von Marzuk zeigt, falls meine Vermutung zutrifft, ganz schön, welcher Art robusten Filmhandwerkes er betreibt.

Bei Marzuk ist der Mann, dem er die Gummipuppe verordnet, ein Pubertierender, Tom, 18, hat gerade Abi gemacht, wird als ein normierter Außenseiter dargestellt, der lieber Comics zeichnet, statt sich an normativen Aufschneiderpielen zu beteiligen.

Tom hat einen Buddelkastenfreund, auch er, Dodie, ein normierter Außenseiter, der typisch Dicke. Es geht also hier nicht um Konflikte, sondern um Vorurteile, später um Missverständnisse.

Tom erhält in einer plakativ als fies herausgestellten Szene bei der Abifeier eine Gummipuppe überreicht (worin sich der moralische, politisch korrekte Anspruch des Filmemachers zeigt – er weiß, was gut und böse und gemein und hinterfotzig ist).

Dieser Szene ging eine Kindheitsszene 7 Jahre früher voraus: wegen einer Paketverwechslung packt sein Freund bei der Geburtstagsfeier einen Dildo aus und die Nachbarin stattdessen ein Feuerwehrauto, das ja auch spritzen kann; sieben Jahre hält die Erinnerung an die Szene bei den Mitschülern offenbar an.

Die Rache dafür ist die öffentliche Überreichung der Gummipuppe bei der Abifeier. Jetzt ist der normative Außenseiter auch zum gesellschaftlichen Außenseiter geworden und der Clou, die Puppe erwacht zum Leben, wird von einer Schauspielerin mit Ansätzen zur Pantomime, aber auch nicht so ganz richtig, dargestellt und wird wegen einem angenähten Produzentenetikett „Fixi“ genannt.

Durch diese Konstruktion und auch durch die Besetzung der Tom-Rolle kann allerdings weder Poesie noch Traurigkeit noch irgend ein Verständnis für die Figur aufkommen, auch kein Gefühl von Einsamkeit, Verlorenheit.

Im Gegenteil, es kommt zu einer nicht so recht schlüssigen, anderen Entwicklung von Tom. Der normierte Außenseiter wird jetzt zum normativen Insider, nähert sich dem Prototypen dieser Art, Jannis, klischeehafter geht es nicht, mit rotem Sportwagen und sogenannt schönen Frauen.

Jannis ist neidisch auf Tom wegen Fixi. Tom nutzt das in einer in seinem angedeuteten Charakter nicht zu erwartenden Weise, er lässt sich auf einen Deal mit Jannis ein. Das führt zu Missverständnissen mit seinem Busenfreund Dodie. Die müssen geklärt werden, werden es zum Teil brutal.

Friede, Freude Eierkuchen kann erst sein, wenn Tom für Dodie die Aufnahmeprüfung für die Stuntschule (auf den „Einfall“, dem Dicken den Traum von einer Stuntkarriere zuzuschreiben, muss man erst mal kommen) gemacht hat; er, der theoretisch als versonnener Zeichner behauptete Junge, der Arzt werden will, das hat ihm seine eisenharte Mutter eingebläut, ist plötzlich ein Supersportler, auch darauf muss man kommen.

Marzuk ist ein Meister darin, aus lauter Ungereimtheiten einen Film fertig zu schneiden. Er arbeitet nicht mit der Wasserwage. Man darf halt auf existenzentscheidende Details nicht zu sensibel reagieren. Und dem Leben abschauen will er schon gar nichts. Sich hier bei einem Film bedienen und dort.

Zielgruppenprodukt für den Sommerschlussverkauf mit kurzer Verfallszeit. Die Moral von der Geschicht „ich muss meinen Traum leben“, nur wirkt sie leider tönern, wenn in der Charakterisierung der Figur dieser Traum – außer vielleicht beim Zeichnen selbst – nie spürbar wird, denn er schafft erst die Differenz zur Umwelt. Die zu inszenieren hält ein Marzuk nicht für nötig. Hier heißt es, wenn das bisschen Pulver verschossen ist: „Los Jungs, abschütteln, es ist noch ein weiter Weg nach Portugal“.

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