American Honey

Unsere Hauptfigur „Star“, die von-der-Straße-weg-Entdeckung Sasha Lane, ist eine „American Honey“, so nennen sich frische, ungebundene Mädchen aus Texas.

Ein Film, der seinen Titel erklärt, das ist schon viel und über die faszinierende Star erfahren wir viel, erleben mit ihr viel und noch viel mehr in diesem soghaften Film von Andrea Arnold.

Soghaft im Sinne der Gebrüder Dardenne, die die Methode entwickelt haben, sich mit Handkamera subjektiv an ihre Protagonisten zu heften und so im Modus geschickt gestalteter Fiktion ein Stück Realität hautnah erlebbar zu machen.

Wobei die Handkamera quicklebendig ist, aber unnötige Wackeleien vermeidet im Sinne einer Erhöhung des Genusses dieses Roadmovies durch ein paar amerikanische Staaten, das uns nicht nur Einblicke in Segmente amerikanischen Lebens und auch der Unterschiede zwischen Arm und Reich bietet, sondern uns mitnimmt mit einem Dutzend jugendlicher Zeitschriftenverkäufer (alle aus dem Milieu gecastet, ein glaubwürdiger Mix) unter der strengen Herrschaft von Krystal (Riley Keough) und ihrem Macker Jake (Shiua LaBeouf), der die Mädels nicht nur in die Praktiken des Verkaufsgespräches einführt.

Übernachtet wird in Motels. Es werden Stimmungs- und Einstimmungsübungen gemacht. Der Looser, also der mit den kleinsten Umsatzzahlen, wird am Ende des Tages drangenommen. Fröhliches Gruppenspiel. Die Energie und Hoffnung der Jugend fährt mit, die Erotik und drängende Sexualität ebenfalls; auch beobachten die Jungen haargenau die Gebiete, die sie durchqueren, ob die reich sind oder nicht.

Wie sie in Kansas einfahren, da ist die Überraschung über die Hochhäuser groß, so große Häuser und in feinen Vierteln die Vermutungen über das Leben der Reichen und wie sie zu gewinnen seien, genau so wie in armen Viertel, denn auch da sind Zeitschriften mit der richtigen Masche an den Mann oder die Frau zu bringen.

Der Film ist kein Lehrfilm für Verkauf-An-der-Haustür. Er nistet sich tief in der Gruppe ein durch die Nähe zur geheimnisvollen „Star“ oder dem Geheimnis der Darstellerin, das sie birgt und hoffentlich nicht allzu leichtfertig preisgibt. Auch Jake hat ein „Geheimnis“, allerdings ein männlich prosaischeres.

Der Film bietet alles, was man vom Kino erwarten kann: Abenteuer, Liebe, Hoffnung, Emotion, Jugend, Erotik, Energie, Landschaften, Einblicke in diverse Milieus und gesellschaftliche Realitäten, einen erstklassigen Cast, erstklassig geführt.

Der Film interessiert sich für die Menschen, die er schildert und will nicht eine am Reißbrett entworfene Realität behaupten, schaut nicht an der Realität vorbei; kann auch einen Ölarbeiter irgendwo im Niemandsland ernsthaft schildern, der viel Geld zu bezahlen bereit ist für eine einfache sexuelle Befriedigung.

Er beschönigt nicht das knallharte Geschäftsgebahren von Krystal. Er zeigt die Menschen zwischen Freiheitsdrang und der ökonomischen Abhängigkeit und seinen Träumen, aus dieser Zwickmühle herauszukommen.

Vielleicht überstrapaziert Andrea Arnold das Bild vom ausgelierferten Insekt etwas, damit signalisiert sie ihre Sympathie für die Hauptdarstellerin oder auch mit der Szene als guter Fee bei einer Familie mit einer drogenabhängigen Mutter. Wäre nicht nötig. Am Schluss lässt sie den Film in Stimmungen auslaufen – in Stimmungen, die erzählen, genießt es noch, bald ist dieses Abenteuer, ist dieser Film auch schon wieder vorbei und die Kino-ad-hoc-Gemeinschaft geht genau so auseinander wie die Jugendlichen dieser Verkaufstour wieder auseinandergehen werden.

Insofern ein Lebensphasenfilm mit einer gewissen Parallele zu Von Menschen und Trauben.
Eine Erzählmethode, die große Authentizität herstellt.

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