Jonathan

Piotr J. Lewandowski, der Autor und Regisseur dieses Filmes, hat sich thematisch viel vorgenommen. Er will einen Tumorfilm machen, einen Sterbebegleitfilm, einen Sex-auf-dem-Sterbebett-Film, einen Film über das Nicht-Reden-Können und Lügen in der Familie, über spätes Coming-Out, einen Das-Leben-auf-die-Reihe-kriegen-Film (aber es war nie aus der Reihe) über eine Null-Acht-Fuffzehn-Liebe zwischen dem jungen Mann Jonathan, Jannis Niewöhner, und der Pflegekraft aus der Stadt Anka, Julia Koschitz.

Den Themenmix richtet Lewandowski auf einem Bauernhof im Irgendwo in hügelig-bergigem Gebiet an. Er hat zwar eine Hauptfigur, Jonathan. Er stellt ihn aber nicht als konfliktbeladen vor; jedenfalls erledigt Jonathan die Pflege seines Vaters seit drei Jahren ohne Probleme und selbstverständlich.

Jonathan spricht für einen Landburschen ein merkwürdig makellos farbloses Hochdeutsch wie die anderen Figuren auf dem Hof auch: Vater Burghardt, André M. Hennicke, dessen Schwester Martha, Barbara Auer, der man immerhin das Landwirtschaftlich-Bäuerliche abnimmt. Und auch der Freund vom Vater, Ron, Thomas Sarbacher.

Über diesen Film berichten heißt, pausenlos spoilern, denn er ist dramaturgisch so gebaut, dass der Sohn die Probleme in der Familie über den Tod der Mutter, die Liebe des Vaters zu Ron erst im Laufe des Filmes überhaupt erst erfährt; eine Struktur, die nicht verkaufs- und erfolgsfördernd für den Film sein dürfte. Ein Film, der sozusagen die Zeit dazu verschwendet, das Problem zu enthüllen, statt den spannenden Weg einzuschlagen, wie einer ein Problem, was sich stellt, löst.

Es ist ein typisch deutscher Themenfilm, wie die vielen fördernden Filmförderer und Fernsehredaktionen ihn mögen und offenbar rezipieren können vom Drehbuch her, dem Zuschauer dürfte es nicht so ergehen, ihm stellt sich nie die Frage, wie löst Jonathan sein Problem, denn er hat ja keines; wobei die Schauspieler sich alle erdenkliche Mühe geben, das papierene Drehbuch mit Fleisch und Blut zu füllen; deshalb dürfte ein häufiger Kommentar zu dem Film sein, dass die Schauspieler gut sind – weil man ihnen die Bemühung ansieht.

Am Anfang bleibt unklar, woher in manchen Szenen so viel Jugend kommt und der Satz, „raus aus dem Scheißfunkloch“ deutet mehr theoretisch und gut intendiert als praktisch auf die unerfreuliche Situation.

Wieso wird Jonathan so charakterisiert, dass er kunstvolle Lampenschirme aus Holzspänen anfertigt und welche Bedeutung hat das für die Themen des Filmes?

Weltfremd und nicht von dieser Welt ist der Dialog der ersten Begegnung zwischen Anka, Julia Koschitz, und Jonathan: „Kennen wir uns?“ – „Ich bin hier, um Deinem Vater etwas unter die Arme zu greifen“: reines Papier oder Computerdialog, weltfremd, unglaubwürdig, theoretisch – und dies nur als ein Beispiel – woher weiß die auf dem Hof Fremde überhaupt, dass er Jonathan ist und weshalb ist sie sich so sicher? Dieser gewiss nicht dem Leben abgeguckte Dialog belegt, dass der Autor sich nicht für die Menschen interessiert, allenfalls hochnäsig für seine eigene Hinterlassenschaft, dass ihm die Neugier und die Anteilnahme für die Menschen fehlen; insofern: überheblich.

Um im Film eine Message, eine Problemlage fürs Publikum spannend zu transportieren, sollten Situationen und Figuren wenigstens filmimmanent realistisch sein und nicht so theoretische Behauptungen wie hier.

Wenn es um das Thema Sprachlosigkeit und Verdrängung in der Familie geht, zeigt Almodovar in Julieta meisterhaft, wie das spannend erzählt werden kann. Oder auch Klaus Stanjek in Klänge des Verschweigens.

Dass Piotr J. Lewandowski es mit dem Erzählen nicht so wichtig nimmt, wird untermauert dadurch, dass er es nicht für nötig hält, establishing Shots einzubauen. Derlei interessiert die großen Papiertäter nicht.

Dialogsatz: „Entzündungen kriegen nur solche, die chronisch untervögelt sind“, das mag als literarische Ambition durchgehen in einem Drehbuch und einer Inszenierung, die dezidiert auf Künstlichkeit setzt; hier wirkt so ein Satz, wie Flieder aus dem Kuhstall.

Diese Art Film erniedrigt den Zuschauer zum Seminarteilnehmer.

Ein Film, der seine Themenabsicht kundtut, sie aber filmisch nicht genißbar umsetzen kann, obwohl er einen interessanten Fall aufgetan hat.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers.

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