Fucking Berlin (DVD)

Lieben kann man nur, wen man kennt. Das ist der Zentralerkenntnissatz von Sonja Rossi, deren autobiographisches Buch Florian Gottschick unter vielnamiger Drehbuchmitarbeit hier verfilmt hat. Wobei der Zuschauer sich damit begnügen muss, dass der Satz nicht tiefer untersucht, sondern vielmehr nach Erlebnissen von Sonja, unkompliziert dargestellt von Svenja Jung, illustriert wird.

Ein Film gewissermaßen nach dem Gedächtnis mit ehrlichem Bemühen. Was sich als Handicap erweist, als das Drehbuch aus diesem Grund meint, darauf verzichten zu können, Charakter, Traum- und Konfliktstruktur von Sonja genau zu untersuchen, um daraus dramaturgisch Spannung zu erzeugen.

So sehen wir Sonja, wie sie frisch in Berlin ist, wie sie über den Beat oder den Rhyhtmus der Stadt philosophiert, Weisheitssätze, die im Raum stehen bleiben, wie sie liebt, lebt, studiert und keine tieferen Verhältnisse eingeht. Wie sie mit Ladja von der Straße zusammen ist, von dem sie erst nicht weiß, dass er sich als Stricher verdingt. Wie sie die Freiheit der Stadtluft von Berlin Kreuzberg und Neukölln einsaugt. Wie sie an der Uni Mathe studiert.

Ökonomische Probleme zwingen sie, einen Job zu suchen. Da sie niemanden kennt und also niemanden liebt, so ist sie frei genug, in einem erotischen Chathouse sich zu präsentieren anzufangen.

Ladja und ihrer Umgebung lügt sie vor, sie arbeite in einem Callcenter. Von da ist es kein weiter Weg mehr zum Puff „Oase“, das sich in einer Plattenbauwohnung befindet. Spätestens hier fällt mir der Film Much Loved von Nabil Ayouch über Prostitution in Marokko ein. Auch das ein Spielfilm. Er hat die Prostitutierten ganz genau beobachtet, hat sie glaubwürdig realitätsnah inszeniert, offenbar zu nah an der Realität, so dass der Film in Marokko verboten wurde.

Bei Gottschick wirkt das Puff eher so, dass hier einige Darstellerinnen versuchen, Nutten zu mimen und Spaß dabei haben. In Marokko waren sie glaubwürdige Menschen. Wobei mir ein weiteres Problem bewusst wird: Ayouch hat in Marokko ein gesellschaftliches Tabu gebrochen, denn offiziell gibt es dort Prostitution gar nicht.

In Deutschland ist mit Berichten aus dem Milieu kein Hund mehr hinterm Ofen hervorzulocken, auch nicht mit Andeutungen von diversen „perversen“ Praktiken.

Eine interessante Spannung zu diesen stereotyp wirkenden Nacherfindungen von Erinnerung erzeugt die Fotografie von Jens Schwengel, der für die Zwischenschnitte mit Stadtbildern aus Berlin eine Bildhaftigkeit herstellt, die entfernt an Veduten von Canaletto erinnert, ruhige, fast grafisch gezeichnete Stadtbilder, in denen für die Hitze und die häufige Kaputtheit des Milieus kein Platz ist.

Die Formulierung von den echte Seelen unter den falschen Namen vermag auch nicht unbedingt, neues Licht auf die Branche zu werfen. Inszenierung und Drehbuchbearbeitung schaffen es nicht, Empathie für die Figuren zu erzeugen.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers.

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