Auf einmal

Der Todesfall einer unbekannten Frau auf einer Party und seine Implikationen soll uns in diesem Film, der in seiner Machart an diese semidokumentarischen Fernseh-Gerichtsserien erinnert und der in Altena in Westfalen spielt, interessieren.

Das Malheur, das sich zu einem fast zwei Stundenfilm ausweitet, passiert dem kantig verschlossenen Karsten (Sebastian Hülk). Er ist mit dieser Frau zuletzt am Trinken. Da hat die Kamera dann nicht so aufgepasst, so dass wir nicht mitkriegen, was passiert.

Jedenfalls rennt Karsten plötzlich wie wild durch leere Straßen und über Brücken von Altena und poltert außer sich an die Türen eines Gebäudes und versucht zu klingeln. Es sieht aus, als habe er seinen Haus-Schlüssel in der Partywohnung vergessen und dann rennt er wieder zurück.

Jetzt dürfen auch wir Zuschauer erfahren, dass die Frau am Boden liegt. Karsten schaut nicht einmal nach, was mit ihr lost ist. Er unternimmt gar nichts, testet nicht mal, ob sie noch lebt, sondern ruft die Rettung. Später wird uns eröffnet, dass es sich um die Wohnung von Karsten handelt.

Ein Film, der so tut, als sei die Story, die er erzählen will, ein Geheimnis. Ein Film, der seine Mission darin sieht, das, was er vorerst im Unklaren lässt, später zu erhellen – und ist doch nur moralinsaures Aufzeigetheater.

Nach und nach erfahren wir mehr über Karsten. Dass er aus einer wichtigen Familie von Altena stammt, den Böhms, die so wichtig sind, dass sie schon mal einen Lift spenden für ein Freizeithaus. Wir erfahren auch, dass er bei einer Bank eine gute Position hat. Und dass er eine Freundin hat. Und eben auch, dass er mit der toten Anna nichts zu tun hatte.

Das sind Fakten, die in Altena so nicht hingenommen werden können. Die sind skandalträchtig, denn die Freundin von Karsten findet in der Kommode plötzlich die Strumpfhose der Verstorbenen. In Altena führt jedenfalls so eine Konstellation zu einem Gerichtsprozess und zwar nicht etwa in Gang gesetzt durch einen misstrauischen Staatsanwalt sondern durch den Mann der Verstorbenen.

Zeitungsberichte skandalisieren die Angelegenheit. Das führt dazu, dass der vierkantige Karsten in der Bank in den Keller versetzt und in der Lohnklasse herabgestuft wird. Letzteres erfahren wir aber erst später. Deutlich zeigt die Regie, dass derjenige, der aus dem Keller in die höhere Etage befördert wird, glücklich ist und Karsten umgekehrterweise frustriert, soweit sein Gesicht diese Veränderung zulässt. Das wird ein Nachspiel haben, auch wenn es im Moment nicht darnach aussieht.

Denn Karsten lässt sich nichts anmerken. Karsten bleibt undurchdringlich. Wie er sowieso, wenn auch anfangs seine Verschlossenheit noch Spannung versprach, eher immer härter, verschlossener wird wie ein Stein. Wenn er später eine Liebesszene spielen soll, hm, nun ja, schweigen wir höflich darüber.

Es scheint, dass Asli Özge sich für die Regie eine gewisse Improvisationsart zu eigen gemacht hat, so wie sie auch in solchen Fernsehgerichtsstories zu beobachten sind. Die Schauspieler geben sich redlich Mühe, können aber aufgrund des Drehbuches keine tieferen Charakterisierungen vornehmen und so bleiben denn auch ganz unwesentliche Sätze in den Dialogen drin („das muss ich noch aufputzen“ und dergleichen, die zum Thema grad gar nichts beitragen, den Film aber in die Länge ziehen).

Mit dieser Art Spontanhandwerk haben auch prominente Namen von Schauspielern sich in dieser Produktion ohne viel Vorbereitung ein Zugeld verdient: Julia Jentsch als Julia Jentsch und Hanns Zischler als Hanns Zischler, auch wenn beiden Rollennamen gegeben wurden. Sie waren offenbar von Drehbuch und Konzept überzeugt – oder hat sie lediglich das leichte Zwangsgebührengeld gelockt?

Wie dem auch sei, das Fernsehen hat die Finger drin, WDR und Arte haben sich überzeugen lassen, doch klar, wenn eine Autorin ihrem Film ein Shakespeare-Wort voranstellt, dass nichts an sich böse sei, sondern dass das Denken es dazu mache; da brauchen die Redakteure gar nicht weiterlesen. Auch Rüdiger Suchsland hat sich mit einem Interview fürs Presseheft ein kleines Zwangsgebührenzugeld verdient; immerhin steht er mit seinem Namen dazu – oder hat er das etwa aus purem Idealismus getan?

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers.

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