Bergfried (ARD, Mittwoch, 21. September 2016, 20.15 Uhr)

Nazizeitaufarbeitungsfilm der Hundertste, der Tausendste, der xte, wer zählt noch mit?

Um öffentliche Zwangsgebühren fließen zu lassen, hier aus Deutschland vom BR und vom WDR, und aus Österreich vom ORF, ist das Thema immer noch so gut, dass auch ein weniger gutes Drehbuch Realisierungsschancen bekommt.

Mit dem Buch habe ich bei diesem Film von Jo Baier (Das Ende ist mein Anfang, Henri 4) meine Schwierigkeiten.

Erst wird mit viel Belanglosigkeit und Stimmungsbildern das Thema, um das es geht, eine halbe Stunde lang vergeheimnisst, es wird wie Schlecht-Wetter-Wölkchen am Himmel antippenderweise eingeführt, bis wir endlich wissen, was Salvatore, Fabrizio Bucci, in dem Bergdorf in Österreich sucht. Bis wir erfahren, wer er ist, das dauert noch länger.

Das erste Drittel des Filmes ist vor allem Vorgeplänkel. Schildert einzelne Figuren im Dorf, schildert in abgedroschener Stammtisch-Manier das Misstrauen der alten Männer im Dorf gegenüber dem jungen Mann aus Italien, der andauernd auf Fotopirsch geht, schildert das traute Verhältnis von Opa Stockinger, Peter Simonischek, zu seinem Enkel, bringt die junge, ledige Mutter Erna, die Tochter von Stockinger ins Spiel, Katharina Haudum, setzt den Strang der Liebesgeschichte an, die auch nur klischeehaft verläuft, schildert Opa Stockinger als ein Arschloch, der im Wald mit seinem Enkel Pilze sucht, während seine Tochter mit ihrem VW-Käfer in Sichtweite einen Unfall baut. Er beobachtet das mit dem Fernrohr und verzieht sich, so ganz plausibel ist das nicht.

Vielleicht will Jo Baier damit eine Handlung von Stockinger glauwürdig machen, um die es hier im Film geht, wie sich zäh erst herausschält, ein Massaker der SS an einer italienischen Dorfbevölkerung anno 1944. Die Jahreszahl gibt uns den Anhaltspunkt zur Zeitbestimmung der Haupthandlung im Film, die ist nämlich 40 Jahre später. Salvatore war damals vier Jahre alt und gibt uns die Info, er habe vierzig Jahre auf die Begegnung mit Stockinger gewartet hat. Statt sich mit dem Thema Aufarbeitung zu befassen, bekommt der Zuschauer eine Rechenaufgabe gestellt, um den Zeitrahmen der Handlung zu eruieren.

Etwa nach zwei Dritteln Spielzeit des 90-Minüters wird Salvatore endlich Stockinger habhaft und läutet eine Phase persönlicher Revenge ein. Er fesselt Stockinger, seift seinen Bart ein, rasiert ihn und arbeitet so das Erkennungsmerkmal an seinem Kinn heraus als Beweis der Erinnerung an die Szene vor 40 Jahren, die den inzwischen 44-jährigen traumatisch verfolgt.

Das Hauptverdienst des Filmes von Jo Baier dürfte sein, überhaupt auf Sant’ Anna di Stazzema aufmerksam zu machen, und darauf, dass die SS hier „am 12. August des Jahres 1944 etwa 560 Zivilisten umgebracht hatte, darunter allein 140 Kinder!“, so ist es der Info des BR zu entnehmen; auch wenn er das mit seinem Film in einer recht wenig schmerzhaften Art tut; es gäbe sicher schärfere Zugriffsmöglichkeiten. Zum Beispiel eine Recherche bei all den deutschen Stellen, die fleissig mitgewirkt haben, das Verbrechen unterm Teppich zu halten und die Täter bis heute frei herumlaufen zu lassen. Von den Vertuschern dürften genügend noch am Leben sein.

Viel Zeit vertrödelt der Film mit wenig sagender Exposition statt mit Aufarbeitung.

Schön ist die Rotkehlchenstory, die Opa Simonischek erzählt, aber dem Fernsehen zuliebe muss sie abrupt abgebrochen werden zugunsten einer wenig informativen Dialogszene in einem Treppenhaus.

Aufarbeitung soft – für wen gedacht?

Liebesdialog zwischen Erna und Salvatore: „Magst mit mir ein Auto aussuchen? Was hast gemacht heute?“ „I denk und schreib“ (das hat der Zuschauer längst zur Genüge mitbekommen, er wird also mit einer überflüssigen Info beschäftigt). Daraufhin meint Erna schlüssig: „Das ist ganz schön anstrengend“. Sorry, Aufarbeitungsfilm?

Plattitüde ohne direkten Zusammenhang zum Thema: „Das ist ganz schön Scheiße, wenn man nicht geliebt wird“, der Satz könnte in jedem Doris-Dörrie-Drehbuch stehen – oder soll er ein Erklärungsmuster für die Untaten der SS bieten? Nach 50 Minuten gibt es eine Liebesszene. Und nach einer Stunde nochmal einen Ansatz dazu. Eine Liebesgeschichte gehört zu einem Aufarbeitungsfilm, ein nicht weiter hinterfragtes Axiom.

Wobei die Revenge-Szene im Keller kaum glaubwürdig und spannend zu spielen ist; auch wenn sie vordergründig vor allem dazu dient, die Gräuel von 1944 zu schildern. Da könnte die Aufarbeitung endlich beginnen, aber da ist der Film schon kurz vorm letzten Atemzug.

Der Protagonist weiß von Anfang an haargenau, was er sucht; warum wird der Zuschauer darüber erst mal im Unklaren gelassen?

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