Auferstehung eines Toten dank SMS.
Der Traum einer jeden Frau vom großen starken Mann, zu dem sie hinaufschauen kann, an dessen behaarter Brust sie sich anlehnen kann, der sie auf seinen starken Armen ins Bett trägt, wenn sie eingeschlummert ist, und die sich, das ist jetzt eine Extrapolation des kritischen Zuschauers, für ihn sicher auch verschleiern würde.
Ein Seelchen von Frau, die das träumt, eine Maria Schell unserer Hipster-Generation, so zumindest stellt Karoline Herfurth ihre Protagonistin Clara Sommerfeld dar, so inszeniert sie sie, in jeder Sekunde süßes, weiches, wunderhübsches Püppchen und makellos schön und so hat sie die Figur im Drehbuch, das sie selbst mit Malte Welding, Andrea Wilson und vielen anderen im Abspann Genannten nach dem Roman von Sofie Cramer geschrieben hat, entworfen.
Aber der Verlobte ist tot, vor ihren Augen in ein Auto gelaufen. Jetzt schreibt sie ihm SMS.
Der Film spielt im Berliner Künstlermilieu. Clara ist eine erfolgreiche Kinderbuchautorin und Zeichnerin von Geschichten von einer Raupe. Die Reinkarnation ihres Verlobten wird ein Zeitungsjournalist sein, ein Sportreporter, Friedich Mücke stemmt die Rolle mit Anstand.
Damit es soweit kommt, braucht es ein Mobilfunkversehen; die SMS landen auf dem Handy des Sportreporters. Womit aus dem Trauer-nicht-Verarbeiten-können-Film unversehens ein Anbandel-, Blind-Date- und Liebesschmachtfilm wird, in dem man weinen soll; jedenfalls wurden bei der Pressevorstellung vorbeugend massenhaft Papiertaschentücher verteilt. Ich habe sie ungenutzt mit nach Hause mitgenommen.
Durch die Schilderung des Künstlermilieus wird der Film in gewisser Weise auch ein Selfie einer erfolgreichen Noch-nicht-alt-aber-längst-nicht-mehr-richtig-jung-Generation einer im Subventionsfilmland erfolgreichen Darstellerriege mit der Alterspatronin Katja Riemann als Schlagersängerin (Referenz an Katja Ebstein?), die mit einer Fernsehtanzummer den Zuschauer beschwingt aus dem Kino entlassen und beim langen Abspann nach dem langen Film halten soll.
Sefie einer Generation, die birst vor Jokes, die ich mir nicht merken kann und die ich schon vergesssen habe, bevor die letzte Pointe gesprochen ist.
Selfie einer Generation, die man als Etagengeneration bezeichnen könnten, schön im eigenen Saft köchelnd, rundum mit sich beschäftigt und der Frage nach der Liebe, und so gut wie keine Ankergeneration darunter oder einer Hoffnungsgeneration darüber.
Selfie einer Generation, die einen schicken Lebensstandard und keine finanziellen Sorgen hat. Selfie eines Generationenspektrums, das einem altväterlichen Frauenmodell wie beim Trachtenumzug nachhängt, aber statt mit Texten bestickte Borte gibt es heute die deutlich weniger romantische Möglichkeit der SMS. FFA und Medienboard Berling Brandenburg halten jedenfalls die Verbreitung dieses abgestanden, pseudoromantischen Frauenbildes für förderungswürdig.
Selfie einer Generation von Schauspielern, die ihre Text wie aus der Pistole geschossen und viel zu laut abfeuern.
Selfie einer Generation, die auf Trauer nicht vorbereitet ist und damit auch nicht umgehen kann, die sie lieber schwammig-naiv in ein übliches Konzept von Liebesgeschichte umwandelt.
Angenehm sind die ersten Szenen des Filmes, weil in ihnen kaum gesprochen wird. Wobei Karoline Herfurth beim tödlichen Verkehrsunfall ihres Verlobten, den sie von einem Lokal aus beobachtet, eine merkwürdige Nummer an Mimikveränderung in Zeitlupe zelebriert, im Fachjargon würde wohl von einer „stummen Jule“ gesprochen, die zäh wie Kaugummi oder zerlaufendes Kerzenwachs wirkt. Dass sie darob in untätiger Trauer versinkt, wirkt plausibel. Weniger plausibel dagegen der Übergang zur Romanze. Die Schmetterlingssymbolik passt zur Attitüde von Kleinmädchenpoesiealbum.
Selfie einer Hipster-Generation aus Figuren, die alle einsam wirken. Das zu verbrämen wird laute, teils schmalzige und Discomusik drübergehauen über die zerfaselte Bildmontage. Was alles kein Beweis für Humor ist.
Es scheint, dass die ganze Corona von Mitschreibern unter Drehbuchschreiben verstehen, Witze, Jokes, Pointen auf Teufel komm raus aneinanderzureihen (für eine Pointe geh ich über Leichen), und dies ganz ohne jeden Anflug von Selbstironie. Studienhalber wäre diesen Schreibern eine Sichtung von The Comedy und Entertainment zu empfehlen, die ebenfalls heute ins Kino kommen; da könnte ihnen bewusst werden, dass sie wohl noch die Milchzähne drin haben.
Die kindischen Anbandel- und Blind-Date Szenen erinnern an typische Filmstudentenfilme; dazu sind die hier besetzten Darsteller allerdings zu alt.