Multiple Schicksale – Vom Kampf um den eigenen Körper

Mit Hermann Hesse, Siddharta, lässt sich die Welt nicht retten, aber vielleicht erträglicher machen oder Hesse mag als Kunstgriff dienen für einen begabten, jungen Schweizer Filmemacher.

Gerade mal 18 Jahre alt ist Jann Kessler und filmbegeistert, da schnappt er sich eine Kamera und eine GoPro und will sich mit dem Schicksal seiner Mutter auseinandersetzen.

Diese liegt seit zehn Jahren mit offenem Mund und offenen Augen schier regungslos in einem erstklassig eingerichteten Pflegeheim. Ihr Schicksal, ihre Multiple Sklerose ist für den hellwachen und emotional elektrisierten Jann der Ausgangspunkt für eine Erkundungsreise innerhalb der Schweiz und immer mit der SBB unterwegs, das ergibt viele bewegte Bilder zwischen den Begegnungen mit vielfältig von dieser heimtückischen Krankheit Betroffenen.

Die Schweizer MS-Gesellschaft hat den Film gefördert, kein Fernsehsender ist erfrischender Weise beteiligt und der Hermann Hesse in Janns Hinterkopf dürfte zu einem Verhältnis zu seinen Interview- und Dokumentarpartnern geführt haben, dass sie frisch von der Leber weg und auch immer wieder mit Humor erzählen und so jede Betroffenheitsdusselei umschiffen.

Dass er Spaß an der Filmerei und auch ein Feeling dafür hat, zeigt die erste Szene, wie er mit der Oma und deren Hund Mutter besuchen geht: die GoPro hat er auf den Hund geschnallt.

An einen skurrilen Western erinnern die Bilder von Bernadette, wie sie mit einem Elektrogefährt mit einer GoPro vorne drauf in einem Supermarkt zum Einkaufen fährt.

Nicht auf den Mund gefallen ist Melanie, wie sie von einer Untersuchung und diversen Einstichversuchen im Krankenhaus erzählt, da leuchten Schwarze-Komödie-Qualitäten auf.

Um das Thema Exitus, Sterbehilfe, ist in der Schweiz nicht herumzukommen. Rainer, der an den Rollstuhl gebunden ist und auch nicht mehr die Zehennägel schneiden kann, möchte seiner Umgebung das Dahinsiechen ersparen und macht im Einverständnis mit Ehefrau und Töchtern den selbstgewählten Abgang. Seine letzten Worte: „so ein Scheiß-Geschmack“; eine Szene, in der Nähe des Gruselgenres anzusiedeln.

Exploitation schwerkranker Verwandter für den eigenen Film. Das war zuletzt in 23 Kilometres zu sehen, hier möchte eine Tochter ihrem an Parkinson erkrankten Vater näher kommen. Mit einem MS-Film beeindruckte letztes Jahr Sabine Volgmann, die etwas älter ist als Jann und bereits an einer Filmhochschule eingeschrieben, wie sie die Diagnose erhält; sie machte daraus den Selbsterfahrungsfilm Die kleine graue Wolke.

Der Film von Jann Kessler dürfte über das Biotop des reinen Jugendfilmes hinaus auf Interesse stoßen und Diskussionen auslösen über die nötige Transparenz im Umgang mit der Krankheit, auch weil er herzliche, attraktive Gesprächspartner gefunden hat.

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