Entertainment

Dieser Film von Rick Alverson, der mit Tim Heidecker und Gregg Turkington auch das Drehbuch geschrieben hat, ist bestimmt besser zu erschließen, wenn man seinen Film von 2012 The Comedy, den der Verlag Bildstörung heute in einigen Kinos gleichzeitig starten lässt, gesehen hat; wobei die Reihenfolge meines Erachtens egal ist.

Entertainment überzeugt durchaus für sich stehend, allein durch die unglaublich westernaffine, betörende Fotografie von Lorenzo Hagermann, diese Ruhe der Betrachtung, diese Weiten und Atmosphären im Westen der USA.

Hier ist Gregg Turkington als der Comedian, ein Witzeerzähler, unterwegs auf Tournee. Wenn seine Witze nicht verstanden werden, was bei häufig spärlichen Publikum generell der Fall ist, und falls jemand im Publikum sich gar eine Bemerkung erlaubt, dann kann er richtig böse und dreckig werden, dass man sein ernstes Handwerk desavouiere. Dann räsonniert er ganz sauer darüber, dass seine Auftritte künftig von Sicherheitsdiensten bewacht werden müssten.

Er steht da als eine erbarmungswürdige Figur mit Eulenbrille, hinter der die Augen großoffen wie Vogelaugen starren, angestrengt und mit über die Stirnglatze mit viel Brillantine festgeklebten Haarsträhnen, mit einem Cocktail mit Strohhalm in der einen Hand, dem Mikro in der anderen Hand und zwischen dem Unterarm dieser Hand und der Brust noch zwei weitere Ersatz-Cocktails eingeklemmt.

Traurige Melancholie, traurige Schönschreibung von Künstlerelend aber auch von Künstlerkonstanz und Künstlerbeharrlichkeit – und sein Weicheiergang, als möchte er der Erde nicht wehtun, so weit geht sein Respekt vor der Natur oder als sei seine Existenz auf hauchdünnem Eis gebaut.

Manchmal tritt mit ihm ein junger Clown auf. Der beneidet den älteren Kollegen in der Garderobe, dass er nur die Brille aufzusetzen habe und nicht wie er das ganze Gesicht schminken und dann auch wieder abschminken müsse.

In den bescheidenen Hotelzimmern telefoniert er mit seinem Schatz, immer ganz leise in den Hörer sprechend und Sehnsucht kundtuend.

Einmal erhält er ein Angebot für einen Auftritt bei einer Poolparty mit Berühmtheiten in Hollywood-Hills. Ein andermal begegnet er auf einem Klo einem jungen Mann. Der möchte sich zu ihm ins Auto setzen wegen der Wärme. Einmal fragen junge Filmemacher ihn, ob er bei einem Video mitdrehen würde. Die Wartezeit hält er nicht aus, aber der junge Kollege bedankt sich später dafür, dass er ihn mitgenommen hat und er die Dreherfahrung machen konnte.

Unterwegs nimmt der Comedian touristische Besichtigungsmöglichkeiten mit, das geht vom Ölfeld über den gigantischen Flugzeugfriedhof mit den ausgeschlachteten Fliegern, die frei begehbar sind, oder Bergbau, Orangenplantage oder er landet gar in einer Farbtherapiegruppe – und trifft später wieder auf die Frau, die sie leitet.

Auf der Tonspur meldet sich einmal ein Song, der von Träumen und Chancen erzählt. Die Bildwelt setzt dem anderes entgegen, wobei sie einen Traum von Unglück erzählt, von stillem Unglück, das so romantisch, so poetisch ausschaut, vielleicht weil so ein Comedien immerhin kein Mensch ist, der anderen etwas zuleide tut.

Sein Cousin ist eines Tages im Publikum. Er managt eine Farm und fühlt sich berufen, dem Comedian Verbesserungsvorschläge für seinen Auftritt zu unterbreiten, einen Businessplan; logo, dass er nicht auf offene Ohren stößt; das Festhalten am Unglück gehört zur Lebenskunst. Vor allem moniert der Cousin die häufigen Sperma-Witze – wobei eine Eigenart seiner Präsentation die ist, dass er oft nach dem Witz Geräusche ins Mikro abgibt, die davon berichten, dass möglicherweise in seinen Innereien oder in seinem Kopf etwas durcheinandergeraten scheint.

Es ist eine Art Betrachtung reiner Kunst, brotloser Kunst, eine Hommage an den Künstler, der um der Kunst willen (egal, wie die Umwelt das auffasst) diese betreibt.

Dieser und The Comedy sind Filme, die garantiert nie eine deutsche Förderung bekommen würden, denn sie erklären sich nicht pseudorational; sie sind eigensinnig, gehen einer Grenzhumorfährte nach, stur, unnachgiebig, kompromisslos.

Der Humorist als humorloser Mensch. Vor den Auftritten memoriert er die Witze ganz genau. „Während seiner langen, legendären Fernsehkarriere hat Larry King welche Frage am häufigsten gestellt? Soll ich mir über Blut in meinem Durchfall Sorgen machen?“ oder „Was war das Schlimmste, was Elvis Presley je von sich gegeben hat? Die Ejakulation, bei der Lisa-Marie herauskam.“ … „diese Witze reiße ich mir buchstäblich aus dem Herzen, um sie Euch vor Euren blöden Latz zu knallen“; er spricht die Witze in breit, gedehnter Art, sie kommen aus ihm heraus wie schwere Zangengeburten.

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