Chodorkowskis neue Freiheit (BR, Dienstag, 13. September, 22.30 Uhr)

In der ersten Dokumentation über den ehemaligen russischen Oligarchen Michail Chodorkowski (Der Fall Chodorkowski) hatte Cyril Tuschi noch über einen in Sibirien gefangenen Mann zu berichten, der ein Politikum war, ein Weltpolitikum, eine offene Wunde im Image des Machthabers Putin.

Das dürfte mit ein Grund gewesen sein, warum der russische Autokrat Putin Chodorkowski nach zehn Jahren Gefängnis entlassen hat. Heute ist Chodorkowski keine tickende Zeitbombe mehr für die Macht von Putin, er hat kaum noch News-Brisanz – so wenig wie ein Film über ihn. Die Bombe Chodorkowski wurde durch die „Begnadigung“ von Putin geschickt entschärft.

Insofern hat es dieser zweite Film schwerer.

Chodorkowski lebt jetzt im Exil in Zürich. Im Interview spricht er von den Spielregeln zwischen ihm und Putin, gegen den er mit einer Partei antreten wollte und dem er nie zugetraut hätte, dass er ihn tatsächlich ins Gefängnis bringt.

Jetzt schwebt Chodorkowski als stille Drohung über seinem Gegner, über Ruslland, im Weltall; das zeigt Tuschi in einer immer wieder dazwischen geschnittenen Animation, in einem Raumschiff über der Erde, über Russland, in welchem Chodorkoswki wie ein Magier Computerprogramme von politischer Relevanz dirigiert.

Konkret bedeutet das, er nimmt eine Gründung von 2001 wieder auf, die Plattform „Open Russia“. Sie dient der Vernetzung der Oppositionellen, zu deren Unterstützung, zur Verbreitung demokratischen Denkens und der Entwicklung einer Ziviligesellschaft, der Grundlage eines Rechtsstaates, den Putin immer weiter ruiniert und damit auch wirtschaftlich in den Abwärtssog bringt, und wie aus einem Statement im Film zu hören ist, baut er stattdessen Feindbilder auf, beginnt Kriege und schart so die Bevölkerung im Landesinneren um sich.

Die Aufgabe für Tuschi war diesmal schwieriger, weil Chodorkowski nicht die große Bühne sucht. Er agiert im Hintergund; die im Dunkeln sieht man nicht. Er tritt international als gefragter Redner auf in Paris (Le Monde), in Berlin (Heinrich-Böll-Stiftung), in Oslo (Freedom Forum) oder in Genf (CICG, Summit for Human Rights and Democracy).

Chodorkowski hat finanziell keine Sorgen. Er verfolgt das langfristige Ziel einer Demokratisierung Russlands, auch Putin wird nur eine begrenzte Zeit an der Macht bleiben. Chodorkowski verfolgt seine Ziele systematisch, wie ein Beispiel aus Lettland zeigt, wo er 100 Prozent Kontrolle über das Projekt Medusa verlangt, falls er es unterstützen sollte; die Initiatorin lehnt daraufhin dankend ab. Chodorkowski unterstützt Oppositionspolitiker in Russland und die Beobachtung von Wahlen mit dem Projekt “Open Election“.

Die Dokumentation wartet nebst dem eher unspektatkulären, zentralen Interview mit Chodorkowski in Zürich mit viel Beifang auf über die verteilte russische Opposition wie die Politikerin Maria Baranowa, aber auch außerhalb Russlands, weil die Repression im Lande immer stärker wird; das Thema der Ermordung Nenzows; eine Dokumentation mit großem Reisebudget zwischen Tel Aviv, Oslo, Paris, Berlin, Zürich, Kiew, Moskau.

Der stilisierter, vercomicte Putin, der in einem Raumanzug steckt, klopft von außen an die Scheiben von Chodorkowskis Raumschiff, eine Drohung.

Problem: wie mach ich einen Film über jemanden, der sich entzieht, der im Hintergrund agieren will und der doch wahrgenommen werden will?

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