Symptom und nicht Einzelfall.

Erkundung eines prekären Bewusstseins zu den Themen Nationalsozialismus, KZ und Schwule im familiären Bereich; dass es sich dabei nicht um einen privaten Einzelfall, sondern um ein nach wie vor latent gesellschaftliches Phänomen in Deutschland handelt, zeigt der Umgang des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit diesem Film von Klaus Stanjek. Der WDR habe lange gezögert, bis er ihn überhaupt gesendet habe, war zu erfahren, dadurch seien dem Filmemacher die Hände lange Zeit für eine weitere TV-Verwertung gebunden gewesen, dann sei der Film um 01.45 Uhr nachts ausgestrahlt und anschließend nicht wie üblich in die Mediathek gestellt worden. Deutschland soll offenbar nichts über sich erfahren; soll nicht in den Spiegel schauen.

Das wäre sicher eine spannende Rechercheaufgabe, zu erkunden, warum genau der WDR und andere fördernde Gremien diesen Film so stiefmütterlich behandelt bis abgewiesen haben, denn fachliche Einwände dürfte es kaum geben, handelt es sich doch um eine erstklassige Dokumentation. Dieses Verhalten bestätigt geradezu die Wichtigkeit des Filmes. Vor allem wenn man bedenkt, was uns sonst aus dem Bereich der Zwangsgebührenkunst alles an Belanglosigkeit vorgesetzt und zugemutet wird.

Es muss sich also um ein ganz heißes Eisen handeln, was Klaus Stanjek hier behandelt. Außerdem ist die Dokumentation auch noch spannend, denn der Filmemacher schreibt nicht einfach die Biographie seines Onkels, des Musikers Willi Heckmann, der schwul und deshalb im KZ war. Stanjek geht von seiner eigenen Wahrnehmung und Neugier aus. Er begibt sich auf einer Erkundungsreise dem Gefühl nach, was denn so besonders an diesem Onkel war.

Wie Stanjek Filmemacher geworden ist und ein paar Dinge vom Onkel erfahren hat und einen Film über dessen Leben machen wollte, lehnte dieser ab. Erst nach dessen Ableben entschied sich Stanjek für dieses Projekt, diese Spurensuche nach einer verschwiegenen, verdrängten Vergangenheit, mit welcher ihm ein schmerzhaftes Bild eben nicht nur über seine Familie, sondern generell über die Mechanismen von Verdrängung, Nicht-Wahrhaben-Wollen und von Sprachlosigkeit in einer deutschen Familie gelingt (da läuft es einem kalt den Rücken runter, wenn man erfährt, dass die Familie des Amokläufers in München auch nicht die geringste Ahnung von den Aktivitäten ihres Sohnes, der bei ihnen in der kleinen Wohnung gelebt hat, hatten).

Stanjek kommt damit nah an eine gesellschaftliche Realität, die sich der Schilderung geschickt immer wieder entzieht. Er dokumentiert nicht primär die Biographie seines Onkels, sondern die Unfähigkeit oder Schwierigkeit seiner Umgebung, über ihn und die mit ihm verbundenen Themen zu sprechen. Wobei heute zwar sowohl Nazizeit-Aufarbeitung als auch Schwulität öffentliche und förderungswürdige Themen sind, solange sie als Themen auf der öffentlichen Bühne ausgestellt werden; aber eben nicht, wenn es um die Rezeption und Behandlung in der privaten Stube geht. Im Film von Stanjek offenbart sich eine erheblich Divergenz zwischen öffentlicher und privater Aufarbeitung.

Indirekt wirft Stanjek somit die Frage auf, ob diese ganze Aufarbeiterei und Thematisiererei nicht viel mehr Etikett und Pseudogeplappere als ernsthafte Auseinandersetzung sei. Es ist eben ein Unterschied, ob etwas den privaten Bereich berührt oder ob es sich bloss um ein öffentliches Verhandlungsthema handelt.

Willi Heckmann, der Onkel des Filmemachers, war ein Mann mit Geheimnis, ein unterhaltsamer, famoser Musiker und Sänger. Der kleine Bub Klaus Stanjek bewunderte ihn und spürte, dass er etwas Besonderes sei. Dieses Besondere war vielleicht dadurch noch interessanter, als nicht darüber gesprochen wurde.

Selbst nach Artikulation der beiden Themen der Besonderheit, nämlich der Homosexualität und der durch sie begründeten 8-jährigen KZ-Haft ohne Prozess, bleibt noch das Geheimnis, wie konnte der Onkel Dachau und Mauthausen so lange aushalten? Die durchschnittliche Überlebensdauer der Gefangenen war anfänglich 6 Monate, später nur noch drei. Und der Onkel sei kein Schläger gewesen in dem brutalen Kampf ums Überleben, sagt ein Schicksalsgenosse und Zeitzeuge.

Dieses Geheimnis kann der Filmemacher Klaus Stanjek auch nicht lüften. Die Arbeiten im Steinbruch waren mörderisch, er fragt sich, wie Willy das mit seinen zarten Musikerhänden überstanden haben kann.

Es gibt Hinweise. Stanjek ist auf Fotos gestoßen, auf Augenzeugen im Rahmen seiner weiterführenden Recherche. Willy war als Musiker im KZ bevorzugt, konnte der SS bei speziellen Anlässen vorspielen. Die Musiker mussten auftreten beim Besuch von Göring und anderen SS-Chargen, bei Galaabenden im Speisesaal. Die Musiker sollten den Eindruck von Kultur aufrecht erhalten, von Menschlichkeit, wobei die Entmenschlichung der Gefangenen in kürzester Zeit vonstatten ging, wie ein Überlebender erzählt.

Ein grausame Kerngeschichte dieses KZ-Lebens rankt sich um ein Bild von einem Umzug mit dem Gefangenen-Orchester, der Onkel mit der Harmonika und im Sträflingsanzug vorne mit dabei. Hinter ihnen wurde auf einem Wagen ein geflohener und wieder eingefangener Häftling stehend zur Hinrichtung gezogen. Der Weg wurde von Spottliedern begleitet.

Stanjek spielt filmtechnisch gerne mit den Archivfotos, animiert sie, wodurch ihnen die grauenhafte Tristesse etwas genommen wird.

Bei seinen Nachfragen in der Familie stößt Stanjek auf ein typisches und immer noch weit verbreitetes Problem, wie eine „normale“ Famillie sich auch heute noch schwer tun kann mit dem Thema Homosexualität, und dass das in der eigenen Familie vorkommen kann und wie es am liebsten als Nicht-Thema behandelt wird.

Eine Verwandte will überhaupt erst auf der Rückfahrt von der Beerdigung des Onkels davon erfahren haben. Andere tendieren dazu, Homosexualität mit Kinderschänderei gleichzusetzen, weil Heckmann, das entnimmt Stanjek einem Archiv-Hinweis, mit einem „Hitlerjungen“ etwas gehabt habe; wobei diese just keine Kinder mehr waren.

Auch das Geheimnis kann Stanjek nicht lüften, warum die bürgerliche Welt, wobei hier vor allem Frauen aus seiner Verwandtschaft und frühere Nachbarinnen interviewt werden, sich mit dem Thema so schwer tun.

Eindrücklich sind die Berichte ehemaliger Häftlinge. Aus den Interviews gibt’s auf der DVD, zum Memorieren sozusagen, nochmal Kurzausschnitte als Bonusmaterial gekennzeichnet, auch aus den Besuchen in Archiven und dem Besuch im schwulen Museum in Berlin.

Das Booklet zur DVD enthält angenehm knappe und informative Texte zur Geschichte der Homosexuellenverfolgung, ein Gespräch über das berühmte Harmonika-Bild, Infos über das Leben im KZ, Lagerorchester, Schlagerschreibstube, die Privilegien der Musiker, über den Steinbruch in Mauthausen, das Familientabu, Denunziation in Wuppertal, Wuppertal und Göbbels.

Sprachlosigkeit in der Familie, filmisch aktuell in Pedro Almodovars Julieta, tagespolitisch höchst akut im Falle eines jungen Attentäters von München, der unaufällig im Schoß seiner Familie lebte, die von den Aktivitäten des Sohnes nichts mitbekommen haben will.

Hinterlassen Sie einen Kommentar