Julieta

12 Jahre Funkstille

zwischen Mutter und Tochter. Und niemand, der wenigstens informell den Kontakt halten könnte, dass die Mutter wenigstens weiß, ob die Tochter überhaupt noch am Leben ist und wenn ja, wo und wie; da ist das soziale Netz dieser Familie zu dünn gewoben.

Wie kann es zu einer so aberwitzig schmerzhaften und in keiner Weise angekündigten Trennung kommen? Rationale Erklärungen müssen notgedrungen hinken, können nicht befriedigen. Vielleicht findet das Kino Mittel dazu, das Kino des Pedro Almodovar, der hier eine Kurzgeschichte von Alice Munro zum Drehbuch umgearbeitet hat, das ganz nah am Menschen bleibt. Das Kino des Pedro Almodovar, das früher mehr mit aufsehenerregenden, schrillen Figuren und ihren schmerzhaften Beziehungen berührte und heute mit einem schmerzhafteren Sachverhalt in normativeren Bildern sogar stärker fasziniert.

Wobei Julieta, als jung von der Leinwand plautzend von Adriana Uguarte und in der älteren Version von Emma Suárez, aus einer frappierenden Mischung besteht: ihr Beruf ist Altphilologin, aber besonders in der jungen Variante schaut sie aus wie ein Pinup-Girl. Sie unterrichtet Griechisch und Latein.

Die Griechen kennen drei Begriffe für das Meer (hier wird pontos relevant werden) und sie haben uns die Geschichte des Meeresabenteurers Odysseus und die von Kalypso geschenkt.

Almodovar schenkt der Altphilologin die Begegnung mit einem Spanier, so wie man sich den Odysseus vorstellen könnte, der selbst am Meer wohnt und Fischer ist, Xoan, Daniel Grao.

Sie lernen sich unterwegs in einem dieser filmaffinen, alten Eisenbahnabteile kennen, in denen man noch die Sitze ausziehen, die Vorhänge zuziehen und es allenfalls auch treiben konnte miteinander.

Eines ergibt in diesem Film das nächste, speziell für den Lebensweg von Julieta, den sie als Text an ihre verschwundene Tochter Antía verfasst. Antía entstammt der Beziehung mit Xoan, zu dem sie ans Meer zieht.

Dunkle Akkorde in seinem Schicksal. Seine Frau liegt sein 5 Jahren im Koma. Aber ein Mann braucht eine Frau, meint die strenge, alles Seelisch-Erotische eiskalt im Blick habende Haushälterin Marian, Rossy de Palma, und plaudert dabei aus, dass Ava, Inma Cuesta, für gewisse Momente diese Frau sei, eine alte Freundin von Xoan, die bevorzugt kleine Männerskulpturen mit großem, phallischem Zentralteil herstellt.

Eines kommt zum anderen. Xoan gerät in Konflikt ob dieser Enthüllung, ist jedoch nicht als konfliktfreudig charakterisiert. Er fährt bei Sturm aufs Meer hinaus.

Beider Tochter Antía ist inzwischen eine junge Frau. In den Sommerferien lernt sie ihre Busenfreundin fürs Leben, Beatriz, kennen. Mutter und Tochter ziehen nach Madrid. Und wieder ergibt eines das nächste, wie in einer Odysse schlägt das Schicksal bei Julieta zu, wie ein Schifflein wird sie auf den Wogen der Fährnisse und Unglückfälle des Lebens auf und ab geworfen. Eine ungeklärte Schuldfrage treibt sie in die Depression.

Die Tochter fühlt sich ebenfalls schuldig und zusätzlich belastet durch die Depression der Mutter. Die Tochter will ihr eigenes Leben führen, sie war nie weg von der Mutter.

Mit charaktervollen und großartig geführten Schauspielern exerziert so gar nicht exerzitienhaft Almodovar diese Schicksalsverläufe zweier Frauen durch, weit entfernt von jeglicher schauspielerischen Allüre, so das kaum fassbare und vermutlich unlösbare Problem faszinierend einkreisend; da in solchen Fällen die gute Mitmenschenwelt allzu leichtfertig zu Schuldzuweisungen neigt, der Tochter wohl Undankbarkeit und mangelnde Verehrung der Mutter vorwerfen würde, voller Unverständnis für die Schwere der Lage, überhaupt ernsthaft erklärend, dass es so etwas durchaus geben kann, eine radikale Trennung von Mutter und Tochter auf Jahre hinaus, und dass es keinesfalls aus Niedertracht geschehe, aus fehlendem Anstand, fehlendem Respekt vor der Mutter, die zu so einer unermesslich schmerzhaften Situation führen kann, dass es sich um die Macht einer Tragödie handelt.

Nach seinem allzu leichten Fliegende Liebe-Intermezzo schlägt Almodovar als gereifter Meister unerbittlich, aber auch unerbittlich sanft, wieder zu.

Ein Thema, was sicher Verwandtschaft hat zum Thema der Sprachlosigkeit in ordentlichen Familien, aus denen, ohne dass einer es mitbekommt, Attentäter werden oder auch Sprachlosigkeit wie in der Dokumentation Klänge des Verschweigens von KLaus Stanjek.

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