Seefeuer – Fuocoammare

„Fuocoammare“ (Seefeuer) oder „Liebe eines Fuhrmanns“ heißen Lieder, die auf der Insel Lampedusa, 20 km² groß und näher an Afrika als an Sizilien gelegen, gesungen werden.

Die Lieder spielt Pippo auf seinem lokalen Radiosender auf Wunsch der Hörer zum Geburtstag oder auch nur zum Ausdruck von Liebe. Er spielt auch Opernarien. In seinem kleinen Sendekabäuschen kriegt er Notrufe von Schiffen mit Flüchtlingen mit, versucht die Sprecher, die sich in Untergangspanik befinden und kaum des Englischen mächtig sind, zur Ruhe aufzufordern, was er braucht, sind genaue Koordinaten, damit die Retterarmada losziehen kann.

Pippo ist einer der Vertreter des beschaulichen Teils des Lebens auf dieser Europa vorgelagerten Mittelmeerinsel. Ein anderer, so etwas wie eine Hauptfigur in diesem Dokumentarfilm von Gianfranco Rosi nach einer Idee von Carla Cattani, ist Samuele, ein Bub, der gerade Englisch lernt in der Schule, der ein „müdes“ linkes Auge hat, der fürs Leben gern mit der Steinschleuder auf Jagd geht mit seinem etwas älteren Freund Matthias und dem schlecht wird auf dem Fischkutter von seinem Papa. Bei ihm zuhause macht die Oma Stickarbeiten oder kocht einen Fischsugo zu den Spaghettis. Ein einfach eingerichtetes Milieu, gott- und mariengläubig. Man darbt nicht.

Gerade mal drei Jahre ist es her, dass der Papst, weltaufsehenerregend, Lampedusa, den Strandungsort vieler Flüchtlinge, geretteter und auch von Leichen, aufgesucht hat. Gerade mal drei Jahre ist es her, dass unser Helferinstinkt sich rührte und das darf nicht passieren, dass Menschen in überfüllten Seelenverkäufern vor den Küsten Europas ertrinken.

Drei Jahre können eine lange Zeit sein. Der Flüchtlingstrom ist seither stetig angeschwollen, die Willkommenskultur erlebte Blüte und Niedergang – und es ist kein Ende der Anbrandung von Flüchtlingen abzusehen.

Das ist das Erschütternde an diesem Film, dass man bei sich selbst einen Sättigungseffekt entdeckt, dass man wünschte, die Flüchtlinge wüssten Bescheid, auf was sie sich einlassen, sie würden die Infos kriegen, dass jetzt, 2016, bereits Tausende wieder im Mittelmeer ertrunken sind.

Eine Dokumentation, die nicht wertend berichtet von einem kleinen Flecken Land, der vom Meer umspült wird, was sich hier alles mit großer Selbstverständlichkeit abspielt. Denn parallel zum gewohnten Alltag vom Fischer, der sein Netz flickt, vom Buben, der Angstgefühle hat, der mit einer Augenklappe vor der Brille das eine Auge trainieren muss, geht Rosi auch den hochprofessionellen Rettungsaktivitäten nach. Wie die Flüchtlinge, ob lebend oder tot, von den überfüllten Fluchtbooten mit Gummimotorbooten zu großen Schiffen gebracht werden, wie sie erfasst, an Bord gehievt werden, die Finger angeschaut, ein Foto gemacht, wie die Leichen geborgen werden.

Oder der Arzt, der bei einer schwangeren Frau mit Ultraschall versucht, das Geschlecht der beiden eng umschlungenen Zwillinge festzustellen und der bemerkt, dass wohl der Stress der Flucht zu einem Mangel an Fruchtwasser geführt hat.

Mit Samuele junior hat Rosi einen großartigen, jugendlichen Protagonisten, der seine eigenen Konflikte hat, mit dem müden Auge oder mit dem Wunsch des Vaters, dass er Fischer werden soll; symbolhaft schön ist der wild verwurzelte, verwickelte Baum, eine Kiefer, denn die sind robuster, von welchem er anfangs ein Stück Holz als Griff für seine Steinschleuder sucht. Der Baum auch als Symbol für die Kompliziertheit der Dinge.

Die Einheimischen, die haben Namen, während die Flüchtlinge numeriert werden, sie bleiben eine anonyme Masse, solche, die überlebt haben, singen einen Rettungsrap oder spielen Fußball in der Erstaufnahme oder telefonieren als Silhouetten in die Heimat.

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