Heimatland

Allmählich scheint die Schweiz aus ihrem wohlstandsgestättigten, cineastischen Dornröschenschlaf aufzuwachen. Der Schweizer Film wird kritisch, ist auch geschockt von den rechtsradikalen Tendenzen der Schweizer Volksverführerpartei SVP. Jetzt zeigen es ihnen die Enkel von Friedrich Dürrenmatt oder die Schweizer Neffen des Schwaben Roland Emmerich. Sie stellen im Kollektiv diesen Film her, der auf Ideen von Jan Gassmann und Michael Krummenacher basiert.

Wobei Demokratie und Film sich durchaus beißen und das von den Filmemachern im Presseheft selbst festgestellte, unter vielen Schmerzen und Schnaps zustande gekommene Viereckige dieses Filmes keinesfalls rund geschrieben werden kann.

Sie erdenken eine kinoschöne Katastrophe für die heile Schweiz und wirbeln liebgewordene Selbstverständlichkeiten durcheinander. Eine der Vorgängerkatstrophen ist der literarische Text „Der Tunnel“ von Dürrenmatt, eine parallele, ähnliche ist der neueste Film von Roland Emmerich, der sich ein Alien-Raumschiff von 5000 Kilometern Durchmesser ausdenkt und es in Amerika landen lässt.

In der Schweiz ist es ein unerklärliches Wetterphänomen, das sonderbarer Weise an der Schweizer Grenze Halt macht. Die Vorahnung davon zeigen sie filmisch attraktiv und faszinierend schon in den ersten Bildern aus zerklüftetem Gebirge und die kaum sichtbaren Nebelchen, die merkwürdige Wege schleichen, wie unnatürlich und sich auf einen See konzentrieren, der plötzlich ganz ruhig wird. Die Ruhe vor dem Sturm. Gerade noch Zeit genug, den Titel einzublenden.

Die erste halbe Stunde werden temporeich und leinwandspannend einige alltägliche Schweizer Milieus geschildert, über die bald schon der Sturm, der Stromausfall, der Wassermangel fegen wird.

Es gibt Einblicke in das Leben eines Taxifahrerehepaar, in die oberen Etagen einer Versicherungskonzerns, Fußballfans und Neonazis oder Bürgerwehr, eine Polizeieinheit, zwei allein in piekfeinem, bürgerlichen Hause zurückgelassene Schwestern (die kleinere, die Ballettelevin, ist motzig frech zur älteren Schwester), es gibt die einsame Alte, die Überwachungszentrale eines Supermarktes, der es bald schon mit Hamsterkäufen zu tun bekommt.

Alle sind sie damit konfrontiert, dass sie allmählich die Katastrophe bemerken und damit umgehen müssen. Das wird auch überzeugend dargestellt von einem Cast, der vom üblichen Pfründenmix sich angenehm und positiv unterscheidet.

Die selbstgestellte Aufgabe der Filmemacher erweist sich als schwieriger als gedacht, denn sie wollen primär einen schweizkritischen und nicht zuvörderst einen Katastrophenfilm machen. Die Katastrophe soll der verbindende Anlass sein, um auf Defekte in der Schweiz hinzuweisen, für das Schweizbashing.

Dadurch scheinen die Filmemacher im Mittelteil den mechanischen Dominoeffekt, der eine Katastrophe charakterisiert und den darzustellen ein simple logistische Fleißarbeit wäre, gelegentlich aus den Augen zu verlieren, scheinen sich gelegentlich ideologisch zu verlaufen im Ideologiekritischen: dass die Schweizer daran Schuld sind, dass der plündernde Ehemann jetzt wohl einen Kurden oder einen Asylanten geschädigt habe oder Alpträume einer eingesperrten Polizistin, ferner darf die Zeichnung eines traumatisierten Kindes nicht fehlen oder der Satz „du hast kein Gespür und darum geht es abwärts bei uns“.

Diese Einschübe wirken wie ein Hinkebein der Katastrophenerzählung. Erst gegen Schluss lassen die Filmemacher actionreich aus allen Rohren schießen. Sie schicken die Schweizer in langen Kolonnen auf die Flucht ins nahe europäische Ausland. Und lassen sie dort nicht rein. Die Filmemacher wollen die Schweizer die Folgen des Kantschen Imperativs am eigenen Leibe erleben lassen, handle stets so, dass die Maxime deines Handelns allgemeingültig gesetzt werden kann.

Mit anderen Worten, sie führen den Schweizern mit Heidenspaß vor, wie es ist, auf der Flucht zu sein und nicht in das Gelobte Land reingelassen zu werden, so wie die Schweizer es im Zweiten Weltkrieg aus Hitlerfreundlichkeit gehandhabt haben (auch das wird zitiert) und so wie sie es heute mit diversen Abschottungsinitiativen versuchen, auf den Weg zu bringen. Jetzt wollen die Schweizer in die EU – und werden nicht reingelassen – der Jugoslawe Goran schon – ätsch-bätsch. Und die Website www.naturgefahren.ch, die gibt es wirklich!

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