West North West (Filmfest München 2016)

Kei, Ai und Naima sind die drei Hauptfiguren in diesem Film von Takuro Nakamura.
Bildhübsch und leinwandfaszinierend sind sie alle. Außerdem können sie inneren Monolog spielen, Versonnenheit, Versunkenheit, können darstellen, dass in ihnen die Gefühle rumoren, dass sie aus ihren festen Verankerungen losgerissen sind, noch bevor das mit Expressivität dargestellt oder verbal zur Sprache gebracht wird.

Diese Fähigkeit der großartigen Darstellerinnen Hanae Kan, Sahel Rosa und Yûka Yamauchi setzt Nakamura gezielt ein zum Bau eines hochkonzentrierten und spannenden filmischen Kammerspiels, welches um die Gefühle und deren unberechenbaren Entwicklungen der drei zueinander zentriert ist.

Kei arbeitet in einer Musikkneipe als Bedienung, sie liebt Ai. Ai ist Japanerin und Fotomodel. Naima ist eine Kunststudentin aus dem Iran, sie will das Zeichnen von Landschaften und Blumen in Japan erlernen. Sie ist streng religiös, betet mehrmals täglich, daher der Titel des Filmes, der die Richtung nach Mekka von Japan aus anzeigt. Sie hat einen Kanarienvogel, den sie in ihre Jackentasche steckt, meist ist er im Käfig, er heißt Baro.

Kei ist Chinesin, telefoniert nach China, dazu gibt es keine Untertitel, sie sieht nicht mehr ganz so heilig aus und pflegt eine diskrete Liebesbeziehung zu Ai, dem Fotomodel, dessen Lieblingsfarbe pink ist.

Naima denkt nicht an Vergnügen, sie will lesen und studieren. Sie lernt Kei kennen. Diese lädt sie gleich auf ihren Soziussitz ihres Motorrades und nimmt sie mit nach Hause. Was Lesbiertunm betrifft ist Naima nicht nur unerfahren, sondern auch vollkommen ahnungslos, das kommt in ihrer Welt nicht vor. Was Ai nicht daran hindert, eifersüchtig zu werden.

An Handlung gibt es nicht allzuviel zu schildern. Die Spielorte sind bei Kei zuhause, bei ihr an der Bar, beim Fotoshooting von Ai, an der Universität oder einmal auch im Jobcenter, auch hier wirkt Naima deplaziert, da sie keine bewertbare Schullaufbahn vorweisen kann.

Einmal bekocht Naima Kei. Eine der wunderschönen Szenen, in denen sichtbar wird, wie subtil Nakamura ganz genau die Gefühle der Frauen beobachtet und faszinierend entstehen lässt, und wie sie gleich wieder an ihre Grenzen kommen, wie die beiden Frauen sich gegenseitig beobachten, wie sie versuchen, sich zu verstehen, zu eruieren, wie die andere fühlt. So ist es mit den meisten Szenen.

Einmal ist Ai im Spital wegen Blinddarm. Kei darf nicht zur Patientin, weil sie nicht verwandt ist. Plötzlich sitzt eine gut aussehende, höchst gepflegte Frau neben ihr und fragt, ob sie Kei sei. Der daraus sich entspinnende Dialog offenbart wie ein Schwerthieb im Nebel, was lesbische Liebe noch für Probleme bereiten kann im bürgerlichen Lager.

Das ist die Entwicklung in diesem Film, dass erst die Gefühle hochkommen, Zuneigung, Begehren, dass sie zu Verletzungen des anderen eingesetzt werden, dass sie ausgestanden und diskutiert werden und dann die Figuren auf einer neuen Ebene wieder zueinander finden.

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