Poesia Sin Fin (Filmfest 2016)

Die filmkünstlerische Poetikvorlesung des Alejandro Jodorovsky.
Was ist Poesie? Wie unterscheidet sich der Poet, der Dichter von den anderen Menschen?

Er lebt, er leidet (unter den anderen Menschen, unter der Ungerechtigkeit, unter Gewalt und Unterdrückung, das zeigen die Kindheitsbilder, des autobiographisch erzählten Filmes mit Alejandro in der Hauptfigur) und er lässt sich von nichts abbringen von seinem Weg (das zeigt die Szene wie Alejandro und Enrique stur schnurgeradeaus gehen, über ein Auto steigen oder über ein Ehebett).

Der Poet hat es schwer. Der Poet hat kein Verständnis für Broterwerb, geht gleichzeitig einer brotlosen Kunst nach. Aber er sieht die Welt poetisch, er sieht sie mit anderen Augen. Er sieht um sich herum die lebend Toten, er sieht seinen eigenen Weg zum Tod und ins Vergessen im All. Er sieht um sich herum Kulisse, Maskierte, Puppen und Pappkameraden (dargestellt in den Kindheitsbildern).

Der Poet muss sich gegen Vorurteile durchsetzen. Das erste Vorurteil, dem Alejandro begegnet, kommt von seinem Vater, der einen kleinen Laden betreibt. Dichter, Musiker, Künstler, die seien alle schwul, wird ihm eingebläut.

Das Musische hat Alejandro von seiner Mutter, die singt alle ihre Texte, als sei sie in der Oper.

Der Poet sieht selbst arme, armselige, ärmliche und verkommene Verhältnisse mit anderen Augen, so dass sie für Opernausstattungen herhalten könnten, das prunkvolle Schlafzimmer seiner Eltern und Bettler sind sowieso malerisch, nicht weniger als das Künstlercafé Iris, das ist modernistisch clean stilisiert, es sitzen nur alte Männer müden Hauptes an den Tischen, die Kellner in Frack und Zylinder sind mehr Ballettcorps als Dienstpersonal und alle im Seniorenalter, es herrscht feine, totgepflegte Stimmung. Bis die rothaarige Schlampe auftritt, die erotische Verführung und Versuchung, die behauptet, Jungfrau zu sein und die den jungen Dichter verführen will, erst aber soll er ihr seinen Zipfel zeigen. Hier auf der Straße? Aber sicher.

Der Dichter entwickelt sich. Er rezitiert Verse. Er wird bewundert. Sein Cousin, ganz in Weiß und mit weißem Schoßhund, gesteht ihm unverblümt seine Verliebtheit. Alejandro merkt, dass er nicht schwul ist, Jubel, denn der Vater hat nicht recht gehabt. Der Cousin aber kann nicht damit umgehen, will nicht nur Freund sein ohne alles, wird sich später vor der Universität erhängen.

Der hoffnungsvolle Dichter bekommt von einem Auswanderer, André, ein Atelier geschenkt (er sieht das als ein Wunder), will wilde Party feiern, Leute sollen auf einem mannshohen Stuhl Bekenntnisse ablegen. Hier lernt er den Poeten hinter dem Spiegel kennen, seinen Dichterfreund in spe, Enrique Lihn. Der wohnt hochklassig in einer quasi-totenhaften Elternvilla.

Glücklich wird der Poet nicht in diesem Land. Der Film spielt in Chile. Er will auswandern nach Frankreich. Da muss der echte, alte Jodorowsky eingreifen. Er mahnt eine Versöhnung mit dem Vater an, die zeitlebens nie stattgefunden hat.

In diesem Film meint der Dichter: ich habe den Teufel der Seele verkauft. Er sieht sich als Enfant du Paradis (und nicht des Olymp). Er kann jedem Ding etwas Schönes, etwas Magisches abgewinnen, seine Welt ist bunt, grell, malerisch, eine Zirkuswelt, besteht aus Bildern reiner, nahrhafter Poesie. Er kann dem Abschaum in El Oro Nudo Kunstvolles abgewinnen, selbst der Dreck, die Misere ist poetisch. Der Poet lebt in einer Welt der permanenten Impermanenz. Und wenn die Poesie Perfektion erreicht, dann muss sie verbrannt werden. Der Poet muss lernen, glücklich zu sterben und ohne jedes Schuldgefühl. Verfluchte Poetenexistenz! Die Welt dreht sich auch ohne den Poeten. Da kann er doch gut sein Herz öffnen.

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