Office (Filmfest München 2016)

Tatis Playtime 4.0 mit dem Zuckerguss einer Liebesstory und Musicalnummern ausgeschmückt. Die Grafik des Geschäftshauses von Jones & Sunn in Hongkong erinnert wie mit paste and copy hergestellt an die Strukturen der City aus Playtime, nur alles noch unwirklicher, teils wie reine Grafik. Mit der gewaltigen, mechanischen Uhr, die sich hoch über dem Atrium dreht, ist ein Hinweis auf die Bilderwelt von Metropolis gegeben.

Die Grafik wird aufgefüllt mit den Massenmenschen der modernen Bürotürme. Die Zeit ist kurz vor der Lehmannpleite. Jones & Sunn wollen den französischen Kosmektikkonzern MADAME übernehmen.

Ist der französische Konzern sauber? Bei den Treffen der Verhändlerteams gehen Zahlen und Argumente über den Tisch. Der CEO von Jones & Sunn heißt Ho. Seine Frau liegt auf einer höchst exklusiven Intensivstation – ein Bühnenbild für sich. Dafür besucht ihn das Mitglied der Geschäftsführung CEO Ms. Chang privat.

Die Tochter Kat von Ho, die soll inkognito schnuppern im Konzern, was ihr so ganz inkognito nicht gelingen will mit ihren teuren Markenschuhen, mit dem Privatchauffeur und der privilegierten Liftfahrt in den 71. Stock.

Die Liebesgeschichte, die in all der Büroparodie oder -satire eingwirkt wird, ist die zwischen Kat und Lee Xiang. Der kommt von unten, will nach oben, will eine Säule der Gesellschaft werden, schaut in der U-Bahn gierig in das Magazin seines Nachbarn „Wie der reichste Mann der Welt werden?“. Gefragt, wie er heißt, sagt er Lee für Ange Lee und Xiang für Träume.

Die Liebesgeschichte zwischen Kat und Lee Xiang und auch die Story um die luxuriös todkranke Mutter sind wie die Sahneschichten in der Musical-Torte; bitter und süß zugleich.

Anfangs schiebt Johnnie To, der Regisseur dieses Musical-Filmes, Loblieder auf das Teambuilding und die Moderne Bürowelt und die Professionalität ein, die an die Grenze von religiösen Glaubensbekenntnissen gehen, mit grinsendem Auge selbstverständlich.

David ist der Manager, der mit Tricks arbeitet, der Insiderwissen zu seinen Gunsten ausnutzen will – ein Börsengang bietet für solches Ansinnen einen nahrhaften Boden. Er hat sich bei einer Feier nicht im Griff, landet stockbesoffen bei der Sekretärin Sophie, die deutlich macht, dass sie nur Kollegen sind und er bei ihr lediglich seinen Rausch ausschlafen darf. Er repräsentiert die Kasino-Typen, die bald schon die Lehmann-Pleite verursachen werden, während der CEO Bedenken zur Fusion mit den Kosmetikern anmeldet, die merkwürdigerweise viel teuren Wein kürzlich verkauft haben.

Der Wind weht und dreht. Die Lehmann-Pleite kommt, sie setzt Dramen in Gang, Abrechnungen werden fällig, das fügt einen Schuss Melo hinzu, es gilt aufzuräumen, neue Gesichter braucht der bereinigte Konzern.

In seiner Haltung erinnert der Film an amerikanische Musicals aus den 50ern, die aus dem Klappern von elektrischen Schreibmaschinen Symphonien komponiert haben. Ein Film, so herzerwärmend wie die Wäsche-Linie von MADAME-China.

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