Nur wir drei gemeinsam (Filmfest München 2016)

Hier ist Komplexität angesagt, hier wird der Zuschauer Zeuge einer doppelten Verarbeitung.
Verarbeitung der Flucht von Hibat (Kheiron), seiner Frau Fereshteh (Leila Bekhti) und deren kleinen Buben aus dem Iran der Postschahära über die Türkei nach Frankreich, eine beklemmende, aufregende, politisch nach wie vor hockaktuelle Geschichte im Hinblick auf die gigantischen Migrationsströme heute.

Und Verarbeitung derselben Geschichte aus der Sicht des kleinen Buben, des Sohnes, der damit auch ein Vaterproblem verarbeitet, das könnte es sein, was die Angelegenheit so verzwickt bis zwiespältig macht, denn der Vater schaffte es, in Frankreich bis zur Verleihung der Mitgliedschaft in der Ehrenlegion, muss also für den Buben als unerreichbarer Übervater dastehen. Dieser Sohn sieht sich inzwischen als Künstler, nennt sich Kheiron und zeichnet bei diesem Film nicht nur für Drehbuch und Regie, sondern spielt auch noch seinen eigenen Vater. Ein bisschen viel aufs Mal.

Vielleicht hat der Sohn ein Problem damit, diesen unglaublich starken Vater, der so viel erlitten, erlebt und gemeistert hat, richtig ernst zu nehmen; denn der Sohn ist ja nur Künstler und erzählt diese Geschichte vereinfacht aus den Augen des Buben, der mit der sicht- und greifbaren Oberfläche konfrontiert ist und nicht mit den komplexen Zusammenhängen. Er stellt die Geschichte kinderzeichnungshaft reduziert dar.

Es kommen nur wenige Revolutionäre vor und nur einige der elf Geschwister des Vaters. Dieser war im Widerstand gegen den Schah, der Film fängt 1955 an. Vater schmorte 7 ½ Jahre in den Kerkern des Schahs. Und war bald schon nach der Machtergreifung Khomeinis wieder eingebuchtet, weil dieser nicht Demokratie, sondern einen islamischen Staat gebracht hat.

Unglaubliches Martyrium, das noch verstärkt wird, weil er, das wird in einer eindrücklichen Szene gezeigt, sich am Geburtstags des Schahs weigert, ein Stück Geburtstagskuchen zu essen. Just deswegen wird er berühmt, zum Widerstandshelden, heizt die Revolution weiter an, weil diese Geschichte in die Öffentlichkeit geschmuggelt und mit Videos verbreitet wird; Jean-Paul Sartre hatte seine Hände im Spiel.

In der verkommenen Banlieu von Paris, in Pierrefitte-sur-Seine, haben Hibat und Fereshteh mit hartem Einsatz eine Sozialstation aufgebaut, die Cité des Poètes. Sie engagieren sich für sozial Benachteiligte mit Migrationshintergrund. Die Heldengeschichte von Hibat führt wegen Bildungsmangels zu einem köstlichen Missverständnis: er sei berühmt geworden, weil er den Kuchen des Schahs nicht gegessen habe; Schah spricht sich auf Französisch ähnlich aus wie Katze (Chat), die Kids rätseln also, wie einer berühmt werden kann, weil er einen Katzenkuchen nicht isst und deshalb Jahre ins Gefängnis kommt … erinnert an einen der ersten Banlieu-Immigrantenfilme aus Frankreich „Der Tee im Harem des Archimedes“.

Bei den Besetzungen scheint Khreion sich an Bildern der originalen Vorbilder orientiert zu haben, dies vor allem nach physiognomischen Gesichtspunkten und überzeichnet sie dazu, könnte auch Kindersichtweise sein; was der Angelegenheit einen komischen Touch verleiht, der nach gängiger Kinoschreibart eher als schwierig verdaulich eingestuft werden düfte.

Auch bei der Musik greift Kheiron zu Melodien, die besser zu einem Wohlfühlmovie als zu einem Heldenverehrungsfilm passen, was gelegentlich zu nerven anfängt.

Die Figuren wie der Schah oder auch der Vater von Hibat haben einen Hauch von Guignol, was wohl dem Vater-Sohn-(Suspekt)Aspekt der Geschicht geschuldet ist.

Die Erzählweise ist grobkörnig und wenn es um Gefühle geht, wieder nach einem Herz-Schmerz-Kino greifend.

Und dennoch: Ein gerade für heute eminent wichtiger Film, dem man seine Doppelbödigkeit oder Doppelkonfliktlastigkeit verzeihen soll; er führt uns an die hochaktuellen Konflikte heran, nicht gefällig, aber genau so wenig belehren oder verehren wollend. Insofern ein einmaliges Stück Kino, das man aus Distanz nochmal Revue passieren lassen sollte, testen, was gerade durch das Hackelige seiner Erzählmethode hängen geblieben ist.

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