Nawara (Filmfest München 2016)

Die Titelheldin Nawara, Menna Shalabi, ist verheiratet mit Aly, Ameer Salah Eldin. Auf dem Papier. Die Ehe zu vollziehen gestaltet sich in der Praxis schwierig, ist nahezu unmöglich mangels geeignetem Raum und Bett. Zu beengt sind im überlaufenen Kairo die räumlichen Verhältnisse beim einfachen Volk.

Ein Problem, das als solches bereits genügend Druck erzeugt. Hala Khalil, die Autorin dieses aktuellen ägyptischen Filmes, versteht sich auf Dramatik und setzt mehrfach eines drauf.

Allein durch den Zeitpunkt, den sie für die Geschichte wählt. 2011, der Moment der Absetzung von Mubarak und dass auffliegt, was er und sein Clan an Billionen außer Landes geschafft haben und die daraus resultierenden Unruhen auf dem Tahir-Platz, die aber nur über Rundfunk und Fernsehen oder in Gesprächen in diese Geschichte Eingang finden.

Als weiteren Spannungserzeuger hat die Autorin sich dafür entschieden, dass Nawara in einer Gated Community mit langem öffentlichem Anfahrtsweg in einer reichen Familie als Hausangestellte arbeitet. Sie hilft der feinen Dame des Hauses in die Stiefel, sorgt für Ordnung und Sauberkeit und hat Angst vor dem schwarzen deutschen Schäferhund, der Butch heißt, versteht sich aber mit dem Gärtner.

Zuhause muss sich Nawara um ihre Oma kümmern, die mit einem Falafel-Imbiss vom Fenster in die Gasse hinaus ein kleines Geld für ihr Begräbnis ersparen will, das Geld für Medikamente lässt sie sich von der Enkelin zustecken.

Auch Aly hat keinen Raum für sich. Er ist Nubier, was für Heirat und Ehevollzug weitere Begrenzungen mit sich bringt. Eine eigene Wohnung liegt in weiter Ferne.

Der Zusammenbruch des Systems Mubarak hat zur Folge, dass die Abzock-Clique um ihn mit fliegenden Fahnen das Land verlässt. Nawara soll in der verlassenen Villa ihrer abgehauenen Herrschaft auch nachts bleiben, dass keinem auffalle, dass die Bewohner ausgeflogen sind. Sie hat der Herrin versprochen, niemanden hineineinzulassen in das Haus. Sie ist eine ehrliche und zuverlässige Person. Sie möchte nicht, dass Aly da auftaucht, was er trotzdem tut, womit der Konflikt sich steigert.

Ein weiteres Problem ist der Vater von Aly, der im Krankenhaus liegt, genauer gesagt im Flur eines übervollen Krankenhauses und dringend operiert werden muss. Mit der Schilderung der medizinischen Zustände dort und damit des ägyptischen Gesundheitssystems fängt der Film an. Jedem deutschen Zuschauer dürfte sofort ein Glücksgedanke durch den Kopf gehen, dass im ordentlichen Deutschland leben darf.

Die Operation ist eine Frage des Geldes. Ein durch und durch korrumpiertes Gesundheitssystem, hier im Krankenhaus um Frau Dr. Pious, eine Ordensschwester. Ihre vielen Arztkitteltaschen sind weit und haben viel Platz für Bakschisch.

Wie auffliegt, dass die Eliten verschwinden aus dem Land, wird nach ihnen gefahndet, wird versucht, zu konfiszieren, was sie dagelassen haben. Das bringt eine weitere dramatische Dimension in die Geschichte von Aly und Nawara und deren immer noch nicht vollzogene Ehe. Sie werden noch heftiger zwischen Glück und Verzweiflung hin- und hergeschüttelt durch ein Geldgeschenk der abwesenden Herrin. Das Land zerbricht schier an der Spannung zwischen korrupten Eliten und verarmtem Volk, woraus Hala Khalil forsch Druck und Tempo verleihendes, erzählerische Energie bezieht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.