Mutter und die anderen Spinner der Familie (Filmfest München 2016)

Kaleidoskop eines ungarisches Jahrhunderts.

Die Erzählposition ist die der 93-jährigen Oma, die dement und herrisch-rechthaberisch zugleich ist. Das bestimmt das Verhältnis zu ihrer und zur ungarischen Geschichte.

Es ist so, als ob die Oma einen Berg schlecht und nur spärlich angeschriebener Fotos aus einer Schublade hervorzieht. Sie blättert sie für den Filmemacher durch. Dieser lässt die meist unbeschrifteten Bilder mit filmischen Tricks und Nachinszenierungen zum Leben erwachen. Um das fruchtbar zu rezipieren fehlt mir allerdings die dazu erforderliche Vertrautheit mit der ungarischen Geschichte, von k.u.k zum Zerfall der Donaumornachie, zur Eroberung durch die Nazis, Flucht und Untertauchen, Vertreibung, Rassimus, Tod und Geburt, Segnungen des Kommunismus, der Aufstand. Dies wird mit historischem Filmmaterial ergänzt.

Die Oma erzählt von Liebe, von Glauben, von Protestantismus, von Judentum. Sie kommt aus Verhältnissen eines k.u.k. Postbeamten, was eine vornehme Position war und eine vornehme Lebensart erömglichte. Sie ist Protestantin. Die Musik unterstützt die Erzählhaltung,indem sie behauptet, das alles sei nicht so tragisch zu nehmen, weil es nicht fassbar ist, was alles passiert ist, weil es kaum ernst zu nehmen sei, diese Erklärung gibt sie mit Gitarrenzupferei, Zigeunermusikanklängen und Jazzigem ab.

Der Film wirkt so, als wolle er an Atmosphären erinnern und die Mentalität der Ungarn hervorheben, die trotz aller politischen Katastrophen sich einen Lebensmut bewahrt haben. Illustriert wird dies in der anfänglichen Szene mit dem Ei, das, versprochen! in die Luft geworfen wird und beim Aufprall auf den Boden nicht zerbricht. Nicht zerbricht. So ist eventuell der Spinner im Titel des Filmes zu interpretieren.

Der Effekt ist ähnlich dem, wenn mir jemand Fotos einer unbekannten Familie zeigt und pausenlos Erklärungen abgibt, das ist der und der und die und die und der hat das und die hat jenes gemacht und geliebt; der berühmte Dia-Abend bei Nachbars. Hauptsache, sie sind gesund.

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